Rausch


eine Geschichte um Eomer aus „Lord of the rings“



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Achtung: Diese Geschichte ist nicht für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren geeignet. Wem die verbale Beschreibung von Sex nicht zusagt, sollte ebenfalls nicht weiterlesen und sich lieber nen Konsalik schnappen.

Inhalt
: Herr-der-Ringe-fanfiction! „Rausch“ spielt nach dem Ringkrieg und der Vernichtung des einen Ringes. Ausserdem setzt sie die Ereignisse aus meiner vorherigen Geschichte „Vom ersten Augenblick“ voraus, kann aber auch ohne diese Kenntnis genossen werden ;-)

Disclaimer: Melyan und Neoryn sind meiner Fantasie entsprungen und gehören mir *nur mir, my presioussssssssssssss*. Alle anderen Charaktere gehören J.R.R.Tolkien. Ich hab sie mir nur geliehen und geb sie ihm auch wieder zurück, wenn ich mit ihnen genügend gespielt habe *gg*

Ich mache keinen Profit mit dieser Geschichte ...leider ;-)

Viel Spaß! Feedback is welcome


1

Der Herr der Riddermark saß allein im dämmrigen Licht der goldenen Halle Meduselt zusammengesunken auf den Stufen vor dem Thron der Könige von Rohan und vergrub sein Gesicht in seinen müden Händen. Die Last der Verantwortung, die er seit dem Tode seines Onkels übernommen hatte, schien ihn schier zu erdrücken.

So viele gute Männer waren aus den Kämpfen um Helms Klamm und Minas Tirith nicht zurückgekehrt. Krieger, Bauern, Ehemänner, Väter, Söhne. Und jetzt war ihr Verlust noch schmerzhafter zu spüren. Viele Dörfer waren zerstört, die meisten Felder verwüstet.

Es war seine Pflicht als oberster Rohirrim, die Arbeiten zu verteilen, zu entscheiden, was getan werden musste und von wem. Und immer wieder traten Menschen an ihn heran, die um Rat und Hilfe baten. Eine Frau mit drei Kindern, die kein Dach über dem Kopf hatten. Ein Bauer, dessen einziges Pferd abgeschlachtet worden war und der deshalb seine Felder nicht bestellen konnte. Ein ganzes Dorf, das kein Trinkwasser mehr hatte, weil die UrukHais die Brunnen zerstört hatten. Und es gab einfach zu wenige Männern, die zupacken konnten.

Eomer verzweifelte. Er war ein Feldherr, der sich auf sein Kriegshandwerk und die Führung seiner ihm untergebenen Soldaten verstand, nicht auf Feldarbeit und Handwerk. Und das Leid der ihm nun anvertrauten Menschen lastete schwer auf seinen Schultern. Woher sollte er nur die Kraft nehmen, diese Aufgabe zu bewältigen?

 

Nach der Vernichtung des Ringes hatte er sich noch viele Tage in Gondor aufgehalten, um König Elessar beim Kampf gegen die Orkhorden zu unterstützen, die nach dem Fall ihres Herrschers immer noch durch´s Land streiften, aber letztendlich -das gestand er sich jetzt ein- war dies nur ein Herausschieben des Unvermeidlichen gewesen: Er würde bald König von Rohan sein. Die Verantwortung für alle Rohirrim lag dann endgültig in seinen Händen.

Und diese Bürde würde er ganz allein tragen müssen.

 

Eowyn und Faramir blieben nach ihrer Hochzeit in Osgiliath. Eomer freute sich für seine Schwester, die nach so vielen Jahren der Einsamkeit und des Schattendaseins neben ihrem Onkel endlich die Liebe eines Mannes gefunden hatte, der sie aus ihrer Dunkelheit in ein erfülltes Leben führen konnte. Faramir war ein aufrichtiger und guter Mann, zu dem er in den letzten Wochen eine tiefe Freundschaft entwickelt hatte und der Eowyn glücklich machen würde. Dessen war er sich sicher.

 

Und Neoryn? Eomer seufzte. Die Frau, die er über so viele Jahre heimlich geliebt hatte, ohne es je gewagt zu haben, ihr diese Liebe zu gestehen, hatte ihr Glück in den Armen von Legolas gefunden. Jedes Mal, wenn der Rohirrim die beiden zusammen gesehen hatte, mit ansehen musste, wie ihre Gesichter strahlten, wie sie sich in den Armen hielten, hatte sich in ihm etwas verkrampft.

Doch dieses Gefühl war mit der Zeit schwächer geworden. Legolas war ein guter Mann, der Neoryn aufrichtig liebte. Und sie glücklich zu sehen, tat gut.

Es war sicher auch besser so. Neoryn hatte sich zwischen den Mauern einer Stadt nie wohl gefühlt. Sie liebte die Weiten der Wälder. Die Pflichten einer Königin wären für sie eine Qual gewesen. An der Seite des Elben führte sie genau das Leben, von dem sie immer geträumt hatte.

Ohne ihn.

Nur seine eigene Einsamkeit schmerzte ihn. Die Krönungsfeierlichkeiten würden bald stattfinden. „Und als König werde ich noch einsamer sein.“ sprach er leise seine dunklen Gedanken in die menschenleere Halle. 

Ein Geräusch an den Toren zur Halle ließ ihn zusammen fahren. Sofort sprang Eomer auf und suchte seine Verzweiflung hinter einem strengen Gesicht zu verbergen. Er wusste nur zu gut, was jedermann von ihm erwartete. Ein König durfte nicht schwach sein, wenn das Volk ihn brauchte.

Durch das Tor kam sein Freund und Vertrauter Gamling mit der nächsten schlechten Botschaft. „Mein Herr, wir haben Probleme in den Stallungen.“

„Welche Probleme?“

„Der neue Stallmeister ist mit den zugewiesenen Weideplätzen nicht einverstanden.“

„Der neue?“

„Ja, Herr. Der alte Stallmeister Meadorn zog mit nach Helms Klamm. Doch er kehrte von der Schlacht nicht zurück. Und da König Théoden keinen anderen Nachfolger ernannt hatte, bevor wir nach Minas Tirith aufbrachen, hat sein Erbe seinen Dienst übernommen.“

Sein Erbe? Doch dann begriff Eomer. Es war eine alte Tradition, dass die Söhne die Aufgaben der Väter nach deren Tod übernahmen. Und Stallmeister Meadorn hatte nach seinem Wissen ein Kind. Irgendetwas in Gamlings Gesichtsausdruck ließ ihn jedoch vermuten, dass sein Freund ihm etwas verschwieg. „Gamling? Da ist doch noch etwas.“ „Das, mein Herr Eomer“ Gamling wandte sich schnell zum Gehen, um weiteren Fragen aus dem Weg zu gehen. „werdet ihr gleich selber sehen.“

Besorgt und neugierig zugleich folgte Eomer. Gamling öffnete seinem Herrn die Tore zu den Stallungen, und Eomer sah sich einer Frau gegenüber, die dort schon auf ihn gewartet hatte.

„Mein Herr Eomer.“ ergriff Gamling das Wort, „Das ist Frau Melyan, der neue Stallmeister.“

Eomer war sichtlich verblüfft. Er hatte einen Sohn erwartet, nicht eine Tochter. Die junge Frau war klein und zierlich. Ihre langen, roten Locken hatte sie mit einem Band im Nacken zu bändigen versucht, was nur unzulänglich gelungen war, und ihr einfaches Leinenkleid war durch die Arbeit im Stall schmutzig geworden. Doch in ihren smaragdgrünen Augen sah er den Blick einer Königin, in deren Reich er sich gewagt hatte.


2

Sie senkte zum Gruß ihres Herrn den Kopf, doch nur kurz, dann fasste sie ihn wieder scharf ins Auge.

„Ich muss mit euch reden.“

Eomer war verärgert. Ihr Tonfall war nicht der einer Dienerin zu ihrem Herrn. Doch sie fuhr unbeirrt fort.

„Ihr habt mir die Felder südlich von Edoras als Weidegründe zugewiesen. Doch damit bin ich nicht einverstanden.“ Sie nahm sich wirklich viel heraus. „Diese Wiesen sind nicht gut genug für die Tiere. So kann ich nicht für die Gesundheit meiner Pferde garantieren.“

Ihrer Pferde? Eomer schaute sie scharf an. Sie schien zu glauben, die Tiere gehörten ihr und nicht seinen Soldaten.

Mühsam beherrscht entgegnete er: „Die südlichen Felder sind die einzigen Wiesen in der Nähe, die nicht von den Bauern benötigt werden.“

„Das weiß ich auch.“ Glaubte er, sie sei dumm? „Ich möchte die Pferde in der Brennmark weiden lassen.“

Eomer sah sie entgeistert an. „Seit ihr von Sinnen? Zu den Weiden der Brennmark benötigen die Tiere einen halben Tag. Wie stellt ihr euch das vor? Sie ständen uns dann nicht mehr zur ständigen Verfügung. Es streifen noch immer viel zu viele Diener des Feindes umher, als dass unsere Soldaten darauf verzichten könnten, zu jeder Zeit sofort einsatzbereit zu sein. Außerdem können wir kaum einen Mann zur Bewachung der Herde abstellen. Euch muss klar sein, dass dieser Plan völlig irrsinnig ist.“

Melyan war scheinbar ganz anderer Meinung. „Ich bin völlig Herr meiner Sinne. Ich habe mir genau überlegt...“

Doch Eomer ließ sie nicht ausreden. „Ich stimme dem nicht zu. Ihr habt eure Anweisungen. Haltet euch daran.“ Und damit drehte er sich um und verließ verärgert die Stallungen.

Melyan kochte vor Wut. „Er hat sich meinen Vorschlag ja noch nicht einmal vollständig angehört.“ schnaubte sie zornig, und Gamling entschied sich, schnellstens ihre Reichweite zu verlassen.

 

Eomer war erbost. Wie konnte diese Frau es wagen, so mit ihrem zukünftigen König zu sprechen. Und dann auch noch diese absurde Idee. Hatte er nicht schon genug um die Ohren? Musste er sich jetzt auch noch um einen neuen Pferdeherrn bemühen, da der oder besser gesagt die jetzige Stallmeisterin unfähig war? Mit einem „respektlose Person“ vor sich hin murmelnd betrat Eomer wieder die Halle, dicht gefolgt von Gamling.

„Wenn diese Frau nicht in der Lage ist, meinen Anweisungen folge zu leisten, werden wir Ersatz für sie finden müssen.“

„Es wird schwer werden, einen gleichwertigen Ersatz zu finden." entgegnete Gamling vorsichtig. Eomer sah ihn immer noch zornig an.

„Wie meinst ihr das?“

„Weil sie gut ist in dem, was sie tut, sehr gut sogar.“

Eomer war noch viel zu wütend, um Gamling richtig zuzuhören, also entschied sich dieser, es bei dieser Aussage zu belassen und verließ schleunigst die Halle.

Der Fürst der Riddermark fuhr sich nervös durch die Haare. Langsam verrauchte seine Wut. Vielleicht hatte er dieser Frau ja wirklich unrecht getan, er hatte sie nicht einmal ausreden lassen. Ein auch nicht gerade höfliches Verhalten, gestand er sich ein, aber irgendwie hatte ihre Art ihn bis aufs Blut gereizt. Er beschloss, sie am Nachmittag erneut aufzusuchen, um einen neuen Anfang zu machen.

 

Schon einige Meter vor dem Gebäude konnte er laute Stimmen vernehmen. Offensichtlich war die Pferdeherrin in Streit mit einem der Soldaten geraten. Eomer vernahm beim näher kommen gerade noch, wie sie den Mann mit scharfen Worten des Stalles verwies, dann trat er ein. Der Soldat verbeugte sich rasch im Vorbeihasten vor seinem Herrn, um dann eiligst zu flüchten.

Na, das wurde ja immer besser. Jetzt warf sie schon seine Männer aus den Stallungen. Seine guten Vorsätze vergessend stürmte er auf sie zu.

„Was ist denn jetzt schon wieder hier los?“

Melyan wirbelte herum und sah ihn wütend an. „Einige eurer Soldaten sind offensichtlich unfähig, mit einem ihnen anvertrauten Pferd umzugehen.“

Kein Gruß, kein Senken ihres Hauptes. Sie sprang mit Eomer genau so um wie mit dem einfachen Soldaten vor ihm. Das war zuviel. Eomers Zorn entlud sich.

„Meine Soldaten sind keineswegs unfähig, aber an euren Fähigkeiten habe ich so meine Zweifel!“ fuhr er sie laut an.

„So?“ Ihre grünen Augen blitzten auf. „Ich für meinen Teil weiß genau, wovon ich rede. Wisst ihr das auch?“ Und mit diesen Worten ließ sie den Rohirrim einfach stehen und eilte raschen Schrittes ans Ende der Stallungen zu den dort gelegenen Unterkünften.

 

Eomer starrte ihr nach. In ihm kochte die Wut. Noch nie hatte es jemand gewagt, so mit ihm zu reden. Was bildete diese Frau sich ein? Wen glaubte sie vor sich zu haben? Einen Knecht, den man nach Gutdünken anbrüllen konnte? Einen dummen Bauernjungen, der nichts von Pferden verstand? Er war kurz davon, ihr zu folgen, als sein Blick auf den Stall fiel, neben dem er sie angetroffen hatte. Der Hengst darin war völlig durchnässt und zitterte am ganzen Leib. Voll Entsetzen konnte Eomer auf den Flanken des Tieres tiefe Einschnitte erkennen, die nur von harten Schlägen mit einem Stock oder sogar einem Schwert herrühren konnten.

Eomers Wut auf die Pferdeherrin war schlagartig verraucht. Wenn dieser Soldat tatsächlich für diese Verletzungen verantwortlich war, hatte Melyan ihn völlig zu Recht heraus geworfen, und auch ihr Zorn war verständlich. Er gestand sich er, er hätte selbst nicht anders reagiert. Die Rösser waren der ganze Stolz der Rohirrim, ihr höchstes Gut. Sie mit Respekt und Ehrerbieten zu behandeln, war ein ungeschriebenes Gesetz in Rohan. Dieser Soldat hatte sich schändlich benommen.

Eomer erkannte widerwillig, dass er diese Frau falsch eingeschätzt hatte. Sie wusste zumindest in diesem Fall ganz genau, wovon sie sprach, und ihr lag offensichtlich sehr viel an den Tieren und ihrem Wohlergehen. So viel, dass sie sich nicht scheute, sich mit jedem anzulegen, der ihnen Schaden zufügen wollte. Einschließlich ihrem zukünftigen König.

Die beste Voraussetzung für einen Stallmeister.

Eomer näherte sich vorsichtig dem Hengst, doch dieser scheute sofort und wich unruhig zurück. Das Tier war offenbar völlig verängstigt. Er dachte noch über Möglichkeiten nach, ihn zu beruhigen, als er gewahr wurde, dass Melyan zurückkehrte. Schnell trat er in den benachbarten Stall und verbarg sich hinter dem dort gelagerten Stroh.

Irgendwie kam er sich merkwürdig vor, wie er sich da in seinen eigenen Stallungen versteckte und seiner Stallmeisterin hinterher spionierte, aber seine Neugier war geweckt. Was würde Melyan jetzt unternehmen?

Als die Pferdeherrin den Stall erreicht hatte, bemerkte Eomer eine kleine Flasche und Tücher in ihren Händen. Sie hatte scheinbar eine Tinktur zur Behandlung der Wunden geholt und schaute sich suchend im Stall nach ihm um. Eomer wich noch weiter in sein Versteck zurück, doch sie hatte ihn im Schatten der Strohballen zu seiner Erleichterung nicht bemerkt und ging jetzt langsam auf das Tier zu. Der Hengst wurde wieder sichtlich nervös und tänzelte gefährlich im engen Stall hin und her. Ohne den Halfterstrick, den sie ihm abgenommen hatte und der ihn an der Wand angebunden hätte halten können, war er in der Lage sich ungehindert zu bewegen und kam ihr in seiner Panik gefährlich nahe. Doch Melyan ging weiter unbeirrt langsam auf ihn zu, legte ihre Hand auf seinen Hals, brachte ihren Mund ganz nah an seine Ohren und begann leise mit ihm zu reden.

Und ihre melodische Stimme schien ihn schnell zu beruhigen. Er stand ganz ruhig da und rieb seinen Kopf fast zärtlich an ihrer Schulter. Melyan redete noch eine Weile leise auf ihn ein und streichelte ihm dabei sanft über das braue Fell. Dann wandte sie sich seinen Verletzungen zu. Er hielt vollkommen still, als sie mit Hilfe der Tücher die Tinktur auf die Wunden aufbrachte. Nur ein leises Zittern seiner Flanke ließ ahnen, dass diese Prozedur nicht schmerzfrei vonstatten ging. Anschließend rieb sie ihn mit einem sauberen Tuch trocken, warf ihm eine wärmende Decke über den Rücken und holte einen Apfel aus einer Tasche ihres Kleides, den der Hengst mit dem größten Vergnügen verspeiste.

Eomer hatte aus seinem Versteck die Geschehnisse genau verfolgt.

Und war tief beeindruckt.

Dieser temperamentvollen zierlichen Frau ging man besser aus dem Weg, wenn sie wütend war. Aber ihr Gespür für Pferde war außergewöhnlich. Der Fürst der Riddermark begann zu begreifen, dass er keine bessere Stallmeisterin finden konnte. Und noch mehr als das.

Während er aus dem Schatten beobachtete, wie sie sich über den Appetit des Tieres freute und lächelte, wie sie dem Hengst beinahe zärtlich über die Nüstern strich und leise mit ihm redete, wie ihre roten Locken über ihren geschmeidigen Rücken fielen, keimten in ihm Gedanken, die so gar nichts mit ihren Diensten als Pferdeherrin zu tun hatten.

 

3

Als die ersten Sonnenstrahlen am nächsten Morgen den Horizont erhellten, jagte Melyan bereits auf ihrer braunen Stute über die Ebenen von Rohan und hatte schon die halbe Strecke zur Brennmark zurückgelegt. Sie musste einfach den Kopf frei bekommen, wieder innere Ruhe finden. Und normalerweise war soll ein Ritt, wenn sie das Trommeln der Hufe hörte, wenn sie die Kraft ihres Pferdes unter sich spürte, wenn der Wind an ihren Haaren zerrte und sie den Duft der Gräser einatmen konnte, genau das Richtige.

Doch diesmal hatte der Ritt nicht die erhoffte Wirkung. Ständig kreisten ihre Gedanken um die Ereignisse des vergangenen Tages, um ihren zukünftigen König und um die Dinge, die sie ihm in ihrer Wut an den Kopf geworfen hatte. Sie hatte sich ihrem Herrn gegenüber völlig respektlos verhalten, hatte sich aufgeführt wie ein wild gewordener Bauernlümmel, und das würde Eomer nicht einfach so hinnehmen. Vielleicht würde er sie jetzt sogar aus seinen Diensten entlassen.

Melyan fluchte vor sich hin. Wieso nur hatte ihr Temperament sie dazu gebracht, eine solche Dummheit zu begehen? Sie wusste doch ganz genau, dass sie die beste Pferdeherrin war, die er kriegen konnte. Schließlich hatte sie sich schon ihr ganzes Leben um das Wohlergehen der Pferde gekümmert. Vieles hatte sie von ihrem Vater gelernt, doch das Gespür und die Liebe für diese wunderbaren Tiere waren ihr schon immer zu Eigen gewesen.

Herr Eomer jedoch schien ihre Arbeit in keinster Weise anzuerkennen. Er hatte ihr mehrfach zu Verstehen gegeben, dass er sie für unfähig hielt. Das hatte ihren Stolz verletzt, und da war ihr Temperament mit ihr durchgegangen. Sie musste sich beim nächsten Mal unbedingt vor Augen führen, wen sie vor sich hatte. Sie musste sich hüten, so mit ihrem Herren zu sprechen, auch wenn er so arrogant war wie der Fürst der Riddermark.

Wenn es ein nächstes Mal geben würde und der Fürst nicht einfach Gamling zu ihr schicken würde, um sie fortzuschicken. Ihr Magen krampfte sich bei dem Gedanken zusammen. Nichts auf der Welt hatte sie bisher so glücklich gemacht wie die Arbeit in den Stallungen. Das durfte sie einfach nicht verlieren.

Sie ritt eine Anhöhe hinauf und dahinter breitete sich so weit das Auge reichte die sanft geschwungene Ebene der Brennmark aus. Dieser ersehnte Anblick erzielte endlich die gewünschte beruhigende Wirkung auf ihr aufgewühltes Innerstes. Tief sog sie den Duft der frischen Wiesen ein und ließ ihre Blicke über die saftigen Täler schweifen. Die kleinen Flüsse und Seen glitzerten in der Sonne wie Edelsteine, und der Wind strich über die Gräser, die wie ein Wellenmeer die Flächen bedeckten, von Zeit zu Zeit unterbrochen von kleinen Wäldern und Inseln aus Buschwerk.

Melyan ritt noch eine Weile in die Ebene hinein bis sie an einem der größeren Seen Rast machte und sich ins Gras streckte. Ja, hier war der richtige Platz für die Tiere, dessen war sie sich sicher. Dieser sture Kerl hätte ihr einfach nur zuhören sollen. Verflucht!

Jetzt waren ihre Gedanken schon wieder bei Eomer gelandet. Konnte sie dieser Mann nicht wenigsten jetzt in Ruhe lassen? Melyan beschloss, auf andere Weise einen kühlen Kopf zu bekommen, streifte am Ufer ihre Kleider ab und sprang in die Fluten. Brrrr, das war kalt. Mit kräftigen Zügen durchkreuzte sie die ruhige Wasseroberfläche und tauchte ab.

Nur den gewünschten Effekt erzielte sie dadurch auch nicht. Immer wieder hatte sie sein Gesicht vor Augen. Warum schaffte es dieser Mann, sie so zur Weißglut zu bringen?

Ein Schnauben ihrer Stute ließ sie zusammenfahren. Melyan sah sich nervös um und bemerkte einen Reiter, der sich langsam über die Hügel näherte. Er musste sie gesehen haben, denn er hielt genau auf sie zu. Leise fluchend verließ Melyan den See und zog sich rasch die Kleider über die nasse Haut, als sie erkannte, wer sich ihr da näherte.

Eomer musste einige Zeit nach ihr hierher aufgebrochen sein. Aber was wollte er hier? Er hatte ihr doch mehr als deutlich zu verstehen gegeben, dass er ihren Vorschlag nicht billigte.

‚Jetzt reiß dich bloß zusammen,’ ermahnte sie sich selbst und ging ein paar Schritte auf ihn zu als er wenige Minuten später den See erreicht hatte.

„Ich grüße euch, mein Herr Eomer.“ Melyan neigte ihr Haupt. „Was führt euch in die Brennmark?“

Eomer stieg vom Pferd und näherte sich ihr. Was würde sie wohl von ihm denken, wenn sie wüsste, dass er sich vorhin, als sie nackt aus dem See stieg und er für seinen Geschmack viel zu weit weg gewesen war, die Augen eines Elben gewünscht hatte. Ihre roten Locken glänzten in der Sonne und das Wasser auf ihrer Haut hatte ihr Kleid durchnässt. Nur allzu deutlich zeichneten sich ihre weiblichen Formen durch den dünnen Leinenstoff ab. Eomer bemühte sich, seiner Stimme einen unverbindlichen Klang zu geben, aber seine Kehle fühlte sich auf einmal furchtbar trocken an.

„Ihr seit der Grund, Frau Melyan.“

Ungewollt schoss ihm der Gedanke durch den Kopf, dass der tatsächliche Grund für seinen Ritt nicht ihr Gespräch über die Brennmark war und damit über ihre Aufgaben als Pferdeherrin. Vielmehr könnte sein wahres Motiv die wunderschöne Frau selbst direkt vor ihm gewesen sein.

Eomer mahnte sich innerlich zur Disziplin. Von solchen Gedanken durfte er sich nicht ablenken lassen.

Leichter gedacht als getan.

Er räusperte sich, um sicher zu gehen, dass seine Stimme ihm nicht den Dienst versagte und fuhr fort.

„Ich wollte mir die Weidegründe mit eigenen Augen ansehen, die ihr für die richtigen haltet, obwohl ich immer noch der Meinung bin, dass sie aufgrund der Entfernung völlig ungeeignet sind.“

Ungeeignet? Schlagartig vergaß Melyan, dass sie sich gerade noch vorgenommen hatte, ihr Temperament zu zügeln. Sie sah ihn wütend an.

„Wenn ihr mich einmal anhören würdet, würdet ihr meinen Vorschlag gutheißen.“ platzte sie heraus und ihre grünen Augen funkelten voll Zorn.

Eomer wich unwillkürlich zurück. Diese Augen waren in der Lage zu töten. Da war er sich sicher. Er versuchte, sie zu beschwichtigen.

„Das können wir ja nun nachholen.“

Melyan biss sich auf die Unterlippe. Wann würde sie endlich lernen, sich zu beherrschen? Eomer setzte sich ins Gras und deutete ihr, neben ihm Platz zu nehmen. „Sprecht!“

„Nun gut.“ Sie setzte sich neben ihn und atmete noch einmal tief ein, um sich zu sammeln. Etwas ruhiger sprach sie weiter.

 „Ihr stimmt mir sicher zu, dass diese Täler hervorragend für unsere Pferde geeignet sind.“

Er nickte, hütete sich aber, sie zu unterbrechen.

„Mein Vorschlag ist es, einen Teil der Herde hier weiden zu lassen -immer nur soviel, wie wir entbehren können- und diese Tiere regelmäßig auszutauschen. Der Rest der Herde bleibt in der Nähe von Edoras zur ständigen Verfügung. So ist gewährleistet, dass nacheinander alle Tiere hier ausreichend Kraft schöpfen können. Die Kräuter, die hier wachsen, machen sie widerstandsfähiger und stärker. Auf längere Sicht würde die gesamte Herde davon profitieren.“

Melyan hielt unwillkürlich den Atem an und wartete gespannt auf seine Reaktion.

Eomer war verblüfft. Ihr Plan war genial. Die Weidegründe um Edoras waren so spärlich bewachsen, dass es oftmals schwierig war, die Tiere ausreichend zu ernähren. Und da sie plante, nur jeweils einen kleinen Teil der Herde hier weiden zu lassen, waren auch nur wenige Männer zur Bewachung notwendig und es standen immer eine ausreichende Anzahl von Tieren für die Soldaten in der Stadt zur Verfügung. Sie hatte also nicht nur ein Gespür für die Pferde, sondern auch Verstand und Weitblick. Bewundernswert.

„Frau Melyan,“ er lächelte sie an, „ich erkenne nun, was für eine hervorragende Pferdeherrin in meinen Diensten ist. Euer Plan ist gut durchdacht und wird dafür sorgen, dass die Rösser Rohans auch weiter die besten und stärksten Tiere in ganz Mittelerde bleiben.“

Melyan atmete erleichtert auf. Er würde sie nicht aus seinen Diensten entlassen! Im Gegenteil. Ihr Vorschlag fand seine volle Zustimmung. Das hatte sie eigentlich nicht erwartet nach ihrer letzten Begegnung. Sie musste sich eingestehen, dass er gar nicht so arrogant war wie sie bisher gedacht hatte.

Und dieses Lächeln!

Sie hatte ihn noch nie lächeln sehen. Warum war ihr bisher nie aufgefallen wie attraktiv dieser Mann war. Sein bärtiges Gesicht und seine langen blonden Haare gaben ihm ein wildes, ungestümes Aussehen. Und sein scharf geschnittenes Gesicht war das eines Mannes, der genau wusste, was er wollte und gewohnt war, es auch zu bekommen. Ein wahrer Rohirrim und würdiger König.

Und seine Augen! Er hatte wunderschöne, braune Augen. Augen, in die sie stundenlang hätte blicken können. Und obwohl sein Lachen seine Augen erreichte, spiegelte sich in ihnen auch eine Traurigkeit und Ernsthaftigkeit wieder, die Melyan tief bewegte. Welche dunklen Gedanken quälten wohl diesen Mann?

 

Melyan ermahnte sich innerlich. Was ihr zukünftiger König fühlte und dachte, ging sie gar nichts an. Sie hatte ihm nur zu dienen und ihre Aufgabe als Pferdeherrin zu erfüllen. Auf keinen Fall durfte sie ihren Gefühlen erlauben, in diesem Mann etwas anderes zu sehen als ihren Herrn.

Gerade hatte sie ihre Gedanken wieder einigermaßen unter Kontrolle und wollte sich endlich für sein Lob bedanken, als ein Schnauben ihres Pferdes sie erschrocken zusammenfahren ließ. Melyan sah sich suchend um, und in ihren Augen konnte Eomer eine Unruhe lesen, die er sich in keinster Weise erklären konnte.

„Was habt ihr?“

Melyans Stimme war nicht mehr als ein Flüstern: „Wir sind nicht allein.“

 

4

Eomers Körper spannte sich an. Seine Sinne waren aufs Äußerste geschärft. Er hatte keine Ahnung, warum Melyan glaubte, dass sie Gesellschaft bekommen hatten, aber er war sich absolut sicher, dass sie genau wusste, wovon sie sprach.

Ein Rascheln in den Büschen hinter ihnen ließ ihn aufspringen und sein Schwert ziehen. Ohne Zögern schob sich Eomer zwischen Melyan und das Buschwerk, bereit jedem möglichen Feind entgegen zu treten und sie zu schützen. Doch was sich da seinen Weg durch die Äste bahnte, erschreckte selbst ihn. Ein riesiger Warg, knurrend und zähnefletschend, näherte sich ihnen.

Melyan spürte wie die Angst sie zu lähmen begann, doch sie riss sich zusammen und stand betont langsam auf. Ruhigen Schrittes, den gefräßigen Räuber ständig im Auge, ging sie auf die Pferde zu. Wenn die Tiere in Panik gerieten, würden sie und Eomer hier so schnell nicht wieder wegkommen, auch wenn sie das hier überleben sollten. Just als sie die Zügel in die Hände bekam, entschloss sich der Warg zum Angriff.

Mit einem gewaltigen Satz stürzte er sich auf Eomer. Der aber hatte mit dem Angriff gerechnet, wich geschickt aus und stieß zu. Sein Schwert drang der Bestie tief in die Flanken, doch das Tier wirbelte herum, und seine Zähne bohrten sich durch Eomers Stiefel hindurch in sein Bein. Vor Schmerz und Wut aufkeuchend holte der Rohirrim erneut zum Schlag aus, und mit einem kraftvollen Hieb trennte er dem Warg den hässlichen Kopf vom massigen Körper. Unter einem letzten grässlichen Jaulen brach das Tier zusammen.

Mit schmerzverzerrtem Gesicht drehte sich Eomer zu Melyan um. Sie stand scheinbar ruhig da, die Zügel der unruhig hin und her tänzelten Pferde fest in der Hand, und redete leise auf die Tiere ein. Doch Eomer bemerkte, dass ihre Hände zitterten. Sie musste Todesängste ausgestanden haben.

Endlich wurden ihre Tiere ruhiger. Sie ließ die Zügel fallen und kam mit bleichem, aber entschlossenem Gesicht auf ihn zu. „Das müssen wir schnellstens reinigen und verbinden.“ Sie deutete auf seinen stark blutenden Unterschenkel.

„Die Wunden, die diese Bestien reißen, können tödlich sein.“

Melyan wusste leider nur zu gut, wovon sie sprach. Warg-Wunden führten meist zu schlimmen Entzündungen und Blutvergiftungen, die nicht selten den Tod des Opfers zur Folge hatten.

Eomer versuchte zum Wasser zu gehen, aber sein Bein versagte ihm den Dienst. Melyan hatte Mühe, den Rohirrim zu stützen, der gut einen Kopf größer war als sie selbst. Er verfluchte seine Ungeschicklichkeit. Er hätte ihre Nähe gerne ohne diese furchtbaren Schmerzen genossen. Außerdem quälte ihn eine Frage. „Wieso habt ihr den Warg so früh bemerkt? Ist euer Gehör so ausgezeichnet?“

„Nein.“ Sie war etwas außer Atem unter seiner Last. „Ich bin keine Kriegerin. Um hier draußen zu überleben, reichen meine Fähigkeiten nicht aus, aber ich kann mich auf den Instinkt meines Pferdes verlassen.“

Eomer sah sie fragend an. „Eures Pferdes?“

„Habt ihr nicht ihr Schnauben vernommen? Ranera warnt mich so vor Annäherungen, so wie ich es ihr beigebracht habe. Anderenfalls würde ich mich hier nicht alleine aufhalten. Sie hat den Warg gewittert. Allerdings war das heute nicht genug. Ohne euch wäre ich Futter für diese Bestie geworden.“ Und nach kurzem Zögern fügte sie hinzu: „Danke.“

Und Eomer hörte deutlich, dass ihr das letzte Wort nicht leicht über die Lippen gekommen war. Sie war eine stolze und unabhängige Frau, die nicht gerne auf die Hilfe anderer angewiesen war, das wurde ihm klar. Seine Bewunderung für sie stieg von Minute zu Minute.

Am Wasser angekommen half Melyan ihm aus dem zerfetzten Stiefel. Dann zog sie ein kleines Jagdmesser aus ihrem Gürtel und schnitt den Stoff an seinen Beinkleidern auf, um die Verletzung freizulegen. Eomer biss die Zähne zusammen, sein Bein brannte wie Feuer, doch er wollte vor ihr keine Schwäche zeigen.

Sie wusch die Wunde gründlich aus und trennte dann von ihrem Kleidersaum einen Streifen ab, mit dem sie alles sorgfältig verband. „Das muss für jetzt reichen, aber wir müssen schnell zurück. Ohne Behandlung wird sich das entzünden.“ Mehr sagte sie nicht. Wozu sollte sie ihn unnötig beunruhigen. Er brauchte jetzt seine Kraft. Es reichte vollkommen, wenn sie wusste, dass er in Lebensgefahr schwebte.

Das nächste Problem für Eomer war es jetzt, in den Sattel zu kommen. Er schaffte es ja nicht einmal mehr zu stehen. Was immer für ein Gift diese verdammten Bestien in ihrem Maul hatten, es gelangte bereits in seine Blutbahnen. Eomer wurde schwarz vor Augen.

„Wir werden die Pferde tauschen.“

Ihr Vorschlag schien ihm auch nicht weiterzuhelfen. „Das wird nichts bringen.“

Dem Rohirrim standen Schweißperlen auf der Stirn. „Eure Stute ist auch nicht viel kleiner als Harasar, und außerdem wird er euch nicht aufsitzen lassen.“

Melyan sah ihn mit ihren smaragdgrünen Augen ernst an.

„Ihr tut es schon wieder.“

„Was?“

„Ihr unterschätzt mich.“

Auf ihren Ruf kam Ranera zu ihnen herüber. Ein Wink Melyans genügte, und das Tier ließ sich zu Boden gleiten. Für Eomer war es so ein Leichtes, sich in den Sattel zu ziehen, und ganz vorsichtig richtete sich die Stute wieder auf. Dann ging die Pferdeherrin langsam auf Harasar zu.

„Er hat sich noch von niemandem außer mir reiten lassen,“ wollte Eomer sie warnen, doch sie hörte ihm nicht zu. Melyan strich dem Hengst sanft über die Nüstern, streichelte an seinem Hals entlang und sprach ruhig auf ihn ein. Wieder hörte Eomer den melodischen Klang ihrer Stimme wie schon in den Stallungen, konnte aber die Worte nicht verstehen.

Harasar aber verstand. Ohne die Spur eines Unwillens ließ er sie bereitwillig in den Sattel und behorchte jeder ihrer leichtesten Bewegungen.

Doch Melyan war nicht nach Triumph zumute. Mit großer Sorge bemerkte sie, dass Eomer schon nicht mehr in der Lage war, Ranera zu lenken. Das Wundfieber kam viel schneller als erwartet. Sie ergriff entschlossen seine Zügel. Jetzt galt es, so schnell wie möglich Edoras zu erreichen.

Der Ritt war für Melyan die Hölle. Die Angst um Eomer machte sie fast wahnsinnig. Der Rohirrim hatte bereits nach kurzer Strecke das Bewusstsein verloren, und sie hatte Schwierigkeiten, den schweren Mann im Sattel zu halten. Schließlich blieb ihr nichts anderes übrig als ihn auf dem Pferderücken festbinden, um einen Sturz zu verhindern. Doch sie durfte das Tempo nicht verlangsamen. Jede Minute zählte.

 

5

Erst weit nach Anbruch der Dunkelheit erreichten sie endlich Edoras. Gamling kam ihnen schon entgegen gelaufen. Er hatte scheinbar vor den Toren der Stadt auf die Rückkehr seines Herrn gewartet und bombardierte Melyan sofort mit ungeduldigen Fragen über das Geschehene. Dabei warf er ihr vielfach mehr als unfreundliche Blicke zu, und als sie ihm endlich begreiflich machen konnte, in welch gefährlicher Verfassung sich Eomer befand, führte er Melyan über Umwege und kleinere Gassen zur goldenen Halle. Melyan war über diese Verzögerung mehr als wütend, aber offensichtlich gab sich Gamling die größte Mühe, dass niemand Eomer gewahr wurde.

„Das Volk braucht einen starken Herrscher. Er wäre schlecht für ihn und für uns alle, wenn man ihn so sehen würde.“

Melyan biss die Zähne zusammen. Eomers Ruf war ihr in seinem jetzigen Zustand völlig gleichgültig.

Mit der Hilfe eines seiner Vertrauten schafften sie den Bewusstlosen in seine Gemächer. Melyan war müde und erschöpft, aber die Sorge um den Rohirrim ließ ihr keine Ruhe. „Mein Herr Gamling, ihr müsst so schnell es geht nach dem Heiler schicken. Ich fürchte sonst um das Leben unseres Herrn.“ Gamling sah sie verzweifelt an. „Der Heiler ist in Helms Klamm gefallen. Wir haben in Edoras niemand, der bei einer so schweren Verwundung helfen kann.“

Melyan war klar, was das für sie hieß. „Dann werde ich es tun!“

„Ihr?“

„Ich habe Erfahrung mit den Verwundungen durch Warge. Ich kann ihn heilen.“

„Seit ihr verrückt?“ Gamling starrte sie entgeistert an. „Ihr habt Pferde behandelt, keine Menschen. Dazu seit ihr nicht in der Lage.“

Melyan wurde wütend. „Ich kann euch versichern, dass seine Heilung in meiner Macht liegt. Wenn wir nichts unternehmen, wird er sterben. Ist es das, was ihr wollt? Oder habt ihr einen besseren Vorschlag?“

Gamling zögerte, aber sie gab nicht nach. „Herr Gamling!“ Melyan spürte einen Anfall von Panik aufkommen. Eomer würde bald seinen letzten Atemzug getan haben, wenn sie seinen Freund nicht überzeugen konnte. „Ihr müsst mir vertrauen. Ich kann ihn retten. Lasst mich ihm helfen. Bitte!“

Sie sah ihn flehend an. Noch nie hatte sie um einen anderen Menschen solche Angst gehabt.

Endlich gab Gamling nach. „Ich habe wohl keine andere Wahl als ihn euch anzuvertrauen, aber ich stelle eine Bedingung.“ Und dabei sah er ihr scharf in die Augen. „Niemand darf erfahren, was in diesen Räumen vor sich geht. Es schadet Eomers Ansehen, wenn bekannt würde, dass er sich durch die Pferdeherrin hat helfen lassen.“

Melyan nickte nur kurz und ging schnellen Schrittes zu den Stallungen. Auf keinen Fall wollte sie Gamling erkennen lassen, wie sehr seine Worte sie verletzt hatten. Er hatte ihr schmerzlich vor Augen geführt, welche Stellung sie an Eomers Hof inne hatte. In den Augen seiner Gefährten war sie nichts weiter als eine Bedienstete, die sich glücklich schätzen durfte, wenn man von ihr überhaupt Notiz nahm. Dass sie jetzt seine einzige Chance war, interessierte Gamling offenbar wenig.

Melyan schüttelte den Kopf, als könne sie so die dunklen Gedanken vertreiben. Das alles war jetzt nicht wichtig. Es ging hier um Leben und Tod und nicht um ihren verletzten Stolz.

In ihrer Stallmeisterkammer suchte sie alles zusammen, was sie benötigte: Die Salbe für die Wunde, deren Rezeptur noch von ihrem Großvater stammte, saubere Tücher und die Flasche mit dem Kräutertrank, den sie den durch Warge verletzten Tieren eingeflößt hatte. Vorsichtig, um nicht bemerkt zu werden, schlich sie zurück zur Halle und durch die Gänge bis zu Eomers Räumen.

Sie hatte Gamling gegenüber zwar behauptet, sie wüsste genau, was sie tue, aber als sie jetzt vor Eomers Tür stand, machte sich ein Gefühl der Unsicherheit breit. Würde sie die richtige Dosis finden?

Gamling wartete drinnen schon ungeduldig und betrachtete sie und ihre Arznei skeptisch.

Melyans Stolz kehrte trotzig zurück. Sie würde ihm beweisen, welche Fähigkeiten in ihr steckten. Aber sie würde sich von ihm nicht auf die Finger gucken lassen. Einen Aufpasser brauchte sie hier nicht.

„Ihr solltet draußen Wache schieben, damit wir nicht gestört werden. Es soll doch keiner von meiner Anwesenheit wissen.“ Sie sah ihn finster an. „Und wenn doch etwas schief geht, könnt ihr immer noch behaupten, ihr hättet von all dem nichts gewusst.“ Gamling warf ihr einen wütenden Blick zu, verließ dann aber doch den Raum und schloss die Tür. Melyan war sich sicher, dass er davor Wache halten würde.

 

Endlich konnte sie sich dem ihr Anvertrauten zuwenden.

Im Fieber glühend atmete er nur noch ganz flach. Das Wichtigste war jetzt der Kräutertrank. Sie griff nach dem Becher, der neben seinem Lager stand und füllte ihn mit etwas Wasser aus dem auf dem Tisch stehendem Krug. Dann träufelte sie langsam den Trank hinein. “Vater, hilf mir, dass ich alles richtig mache!“ flehte sie leise. Dann hob sie vorsichtig den Kopf des Rohirrim an und begann, ihm die Flüssigkeit einzuflößen. Nur langsam mit großen Schwierigkeiten und nur in kleinen Schlücken gelang es ihr nach und nach Eomer den lebensrettenden Saft einzuflößen.

Sein Bein war das nächste Problem. Sie löste den Verband. Seine Verletzung hatte sich wie befürchtet schwer entzündet und sah schrecklich aus. Doch Melyan wusste, dass sie hier wirkungsvoll helfen konnte. Sie wusch die Wunde erneut aus und trug die Salbe so behutsam wie nur möglich auf. Doch selbst in seinem bewusstlosen Zustand spürte sein Körper das starke Brennen auf seiner Haut. Er keuchte vor Schmerz und bäumte sich auf. Sie hatte große Mühe, ihn ruhig zu halten, doch dann sank er kraftlos und erschöpft auf sein Lager zurück.

Bis die Medizin ihre volle Wirkung erzielen würde, konnten noch Stunden vergehen. Dies war die kritischste Zeit. Und sie würde ihn nicht aus den Augen lassen. Das Fieber war im Moment sein größter Feind. Sie musste versuchen, ihm Kühlung zu verschaffen. Eomer trug immer noch seine Tunika und sein Hemd. Das war definitiv zu warm.

Melyan holte tief Luft. Ihr blieb nicht anderes übrig. Sie würde ihn entkleiden müssen. Gut, sie hätte auch Gamling rufen können, der sicher direkt vor der Tür stand, aber eine leise innere Stimme hielt sie davon ab. Mit unsicheren Fingern begann sie, seine Kleidung zu öffnen. Erst die Tunika, dann öffnete sie die Bänder seines Hemdes und entblößte soviel wie nur möglich seines erhitzen Körpers.

Und mit jedem Stück wurde sie weniger Herr ihrer Gefühle. Ungeachtet der Situation, in der sie sich befand, spürte sie ein wachsendes Verlangen nach diesem Rohirrim. Er strahlte eine Kraft und Männlichkeit aus, die sie magisch anzog. Sie dachte wieder an sein Lächeln, das sie am Morgen noch so verzaubert hatte. Aber auch an seinen Wutausbruch in den Stallungen. Ja, es war diese Energie, die er ausströmte und die sie schon vorher so unwiderstehlich gefunden hatte. Deshalb hatte sie ihn nicht aus ihren Gedanken vertreiben können.

Und jetzt begann sie, sich das einzugestehen.

 

6

Melyan hielt unbewusst den Atem an. Ihr war plötzlich furchtbar heiß, und für einen kurzen Moment fragte sie sich, ob auch sie unter Fieber litt. Doch sie war nicht lange in der Lage sich selbst zu belügen.

Tatsache war: Sie begehrte diesen Mann. So sehr, wie sie noch nie in ihrem Leben einen Mann je begehrt hatte.

Und beim Anblick seines nackten Oberkörpers konnte sie der Versuchung nicht länger widerstehen. Dies war wahrscheinlich die einzige Gelegenheit. Alles in ihr sehnte sich nach seiner Nähe.

Er musste ja nie davon erfahren. Und durfte es auch nicht.

Langsam näherte sich ihre Hand seinem Körper, ihre Fingerspitzen berührten seine schweißnasse Haut.

Ein Prickeln durchlief ihren ganzen Körper und ein Verlangen machte sich in ihr breit, von dessen Ausmaß sie bis dahin keine Ahnung gehabt hatte. Langsam ließ sie ihre Finger über seine Schulter gleiten hin zu seiner Kehle, in deren Mulde sich Schweißperlen sammelten. Ihre Hand wanderte tiefer, strichen zärtlich über seine linke Brust, ihre zweite Hand nicht mehr zurückhaltend glitt diese hin zu seiner rechten Brust.

Melyan war nicht mehr in der Lage sich zu stoppen. Ihre Gefühle hatten völlig die Kontrolle über sie erlangt. Und tief in ihrem Innersten wurde ihr klar, dass sie auch gar nicht mehr versuchen wollte, sich aufzuhalten.

Gemeinsam erkundeten ihre Hände seinen starken Oberkörper, wanderten über seine Rippen hin zu seinem flachen, muskulösen Bauch, tasteten sich immer tiefer...

 

Ein Geräusch an der Tür ließ sie jäh in die Wirklichkeit zurückkehren. Rasch zog sie ihre zitternden Hände zurück und starrte erschrocken zu Gamling, der sichtlich besorgt, aber immer noch mürrisch den Raum betrat, um sich nach Eomer zu erkundigen. Melyan wünschte sich inständig, dass ihre Stimme nicht verriet, wie aufgewühlt sie war. „Ich kann euch noch nicht sagen, ob er überleben wird. Das wird erst der Morgen zeigen. Ihr müsst Geduld haben.“

Gamlings Blick fiel auf den nackten Oberkörper seines Freundes.

„Er braucht Abkühlung. Das Fieber ist sehr hoch.“ erklärte sie hastig. Das entsprach der Wahrheit und doch spürte sie die Schamröte in ihrem Gesicht aufsteigen. Sie hoffte aus ganzem Herzen, dass das flackernde Licht des Feuers dies vor Gamlings Augen verbarg.

Er sagte jedenfalls nichts mehr, so sie nur noch einmal mürrisch an und verließ wieder den Raum.

Melyan sackte in sich zusammen. Ihr wurde übel. Ahnte Gamling etwas? Hatte er vielleicht sogar gesehen, was ihre Hände getan hatten?

Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Eomer würde die Nacht vielleicht nicht überstehen, und sie hatte seine Hilflosigkeit schamlos ausgenutzt. Sie fühlte sich elendig. Und die Angst um ihn schnürte ihr die Kehle zu.

Doch all diese Gedanken konnten ihr Verlangen nicht mindern. Und so hüllte sie sich verzweifelt in eine Decke, setzte sich gegen die kalte Wand lehnend auf den Boden und horchte ängstlich auf jeden seiner Atemzüge. Nicht lange und sie konnte ihre Augen vor Müdigkeit nicht mehr offen halten und fiel in einen unruhigen Schlaf.

 

Sie erwachte erst wieder im Morgengrauen. Ihr ganzer Körper schmerzte und sie war durchgefroren, denn sie war in der Nacht auf den kalten Boden gesunken. Doch das alles beachtete sie nicht. Stattdessen lauschte sie nur voller Sorge in den dämmrigen Raum.

Ja, er lebte. Sie konnte deutlich seinen Atem hören und fasste den Mut an sein Lager zu treten. Er sah erschöpft und blass aus, aber als sie ihre Hand prüfend auf seine Stirn legte, wusste sie, dass sie es geschafft hatten. Das Fieber war besiegt. Freude, Erleichterung und Stolz durchströmten Melyan.

Sie griff nach einem Laken, und nach einem letzten Blick voller Verlangen auf seinen halbnackten Körper deckte sie Eomer zu.

Ihre Erleichterung wandelte sich in Trauer. Ihr wurde schmerzlich bewusst, dass er sie nun nicht mehr brauchte. Verbittert wandte sie sich ab, als er plötzlich nach ihrer Hand griff und sie zurückhielt. Sie drehte sich zurück zu ihm, und in seinen Augen las sie deutlich Angst. Und er versuchte nicht, diese Angst vor ihr zu verstecken. Er war dem Tode noch nie so nah gewesen wie in dieser Nacht, und er wusste das. Melyan schenkte ihm ein beruhigendes Lächeln.

„Ihr braucht den kommenden Tag nicht zu fürchten, mein Herr Eomer. Ihr habt die Schatten besiegt und werdet wieder vollkommen gesund.“

Die Angst in seinem Blick wich Erleichterung, doch er gab sie nicht frei. Seine Stimme klang noch rau vom Fieber der vergangenen Nacht: „Geht noch nicht!“

Etwas unsicher, aber überglücklich, dass er noch ihre Nähe wünschte, setzte sich Melyan zu ihm und genoss es, zu sehen, wie er müde aber entspannt die Augen schloss und langsam in einen Schlaf fiel, der ihm sicher dabei helfen würde, schon bald seine volle Kraft und Stärke wiederzuerlangen. Erst als sie am ruhigen und gleichmäßigen Heben und Senken seines Brustkorbs erkennen konnte, dass er tief eingeschlafen war, löste sich seine Hand von der ihren.

In Melyan rangen die widersprüchlichsten Gefühle miteinander. Ein Teil von ihr wollte verweilen, wollte seine Nähe so lange wie nur möglich genießen. Ein anderer Teil wollte nur raus hier. Ihm so nahe zu sein und ihn doch nicht berühren zu dürfen war mehr als sie ertragen konnte.

Die Entscheidung, was sie tun sollte, wurde ihr in dem Moment abgenommen als Gamling erneut den Raum betrat. Er musterte erst Melyan missmutig, dann wanderte sein Blick besorgt zu Eomer. „Wie geht es ihm?“

„Er hat die Nacht überlebt und ist jetzt außer Gefahr.“ Ihre Stimme klang ruhig und gefasst. „Er braucht lediglich ein paar Tage Ruhe. Dann wird er wieder vollkommen genesen sein.“

Sie gab Gamling nicht den kleinsten Anhaltspunkt zu erkennen, wie es in ihrem Innersten aussah, doch das kostete sie ihre ganze Willenskraft. Sie ahnte schon, was jetzt kommen würde. Und tatsächlich!

„Dann könnt ihr jetzt gehen, Frau Melyan. Eure Dienste werden hier nicht länger benötigt.“

Gamling wollte sie so schnell wie möglich loswerden. Melyan biss die Zähne zusammen. Mit einem letzten Blick auf den schlafenden Eomer verließ sie den Raum, begleitet von Gamlings mahnenden Worten: „Und denkt daran: Zu niemandem ein Wort.“

 

7

Noch nie in ihrem Leben hatte sich Melyan so elendig gefühlt. Sie war froh, dass ihr im Moment jeder aus dem Weg ging, was wohl hauptsächlich an ihrer extrem schlechten Laune lag. Keiner wagte es zur Zeit, sich mit ihr anzulegen. Vor allem Gamling schien sie zu meiden. Es war ihr mehr als Recht. Sie hasste diesen Mann.

Melyan hatte die vergangenen zwei Nächte nicht in den Schlaf finden können. Immer wieder erschien vor ihren Augen das Bild von Eomer, wie er dort bewusstlos auf seinem Lager lag. Schwach und doch so begehrenswert wie noch nie ein Mann zuvor in ihrem Leben. Immer wieder glaubte sie seine Haut zu fühlen, seinen Atem zu hören. Sie würde noch verrückt werden. Er schien so nah ...und doch so unerreichbar für sie.

In ein paar Tagen würden die Feierlichkeiten anlässlich seiner Ernennung zum König von Rohan stattfinden. Ein König und eine Pferdeherrin, das war undenkbar. Verbittert und wütend auf sich selbst und ihre Gefühle erledigte sie allein ihre Arbeit in den Stallungen.

Als sie an diesem Morgen plötzlich Schritte hinter sich vernahm, war ihr erster Gedanke, dass sich jemand verlaufen haben musste. Hier suchte sie im Moment niemand auf. Sie wendete sich um und erstarrte. Ihr Herz war vor Schreck steht geblieben, da war sie sich sicher. Direkt vor ihr stand Eomer, immer noch ein bisschen blass, aber sonst scheinbar vollkommen genesen. Allein die Tatsache, dass er sein Gewicht nur auf ein Bein verlagerte, ließ erkennen, dass die Wunde noch schmerzte. Und sein Anblick allein genügte, um Melyans Gefühlswelt in ein absolutes Chaos zu stürzen.

Melyan versuchte verzweifelt, einen klaren Gedanken zu fassen. Was wollte er hier?

Eomer schien nach den richtigen Worten zu suchen.

„Frau Melyan,“ begann er schließlich, „ich bin bekommen, um euch für eure Hilfe zu danken. Ohne euch wäre ich jetzt nicht mehr am Leben.“

Hatte Gamling ihm von ihrem Trank erzählt? Sie konnte es sich kaum vorstellen. Sie war sich ja nicht einmal sicher, ob Gamling wusste, was genau sie getan hatte.

„Ich habe euch nur zu geben versucht, was ich euch schuldig war, Herr Eomer. Ihr seit schließlich wegen mir verwundet worden.“

„Also wolltet ihr nur eine Schuld begleichen?“ Seine Stimme klang enttäuscht. Oder bildete sie sich das nur ein?

„Ich tue alles, um euch zu dienen, mein Herr.“ Sie senkte pflichtbewusst ihr Haupt. Auf keinen Fall wollte sie sich noch einmal respektlos ihm gegenüber verhalten. Ihr einzig richtiges Verhalten in dieser Situation, so schien es ihr, war der, in ihm ihren Herrn zu sehen, auf keinen Fall mehr. Ihm in die Augen zu sehen, dazu hatte sie nicht die Kraft.

Eomer schien sich mit dieser Antwort abgefunden zu haben, denn er wandte sich ab, doch nur um sich ihr gleich darauf wieder zuzuwenden.

Melyan wurde nervös. „Ist noch etwas, mein Herr?“

Er zögerte. „Ja, da ist noch etwas, was ich wissen muss.“ Er flüsterte fast nur noch. „Als ich in jener Nacht im Fieber lag, hatte ich einen seltsamen Traum. Ich glaubte,“ er trat noch einen Schritt näher an sie heran. „eure Hände auf meiner Haut zu spüren. Ihr habt...“ Er sprach nicht weiter.

Melyan war starr vor Entsetzen. Er hatte es bemerkt! Verzweifelt blickte sie weiter zu Boden, aber er schob seine Hand unter ihr Kinn und zwang sie, ihn anzusehen. „Melyan?“ Er blickte ihr tief in ihre Augen, die nicht in der Lage waren, die Wahrheit zu verbergen.

Und Eomer erkannte sie. „Es war kein Traum!“ Seine Stimme klang heiser.

Melyan wäre am liebsten vor Scham in den Erdboden versunken. Unaufhaltsam schossen ihr Tränen in die Augen.

„Es tut mir leid.“ Ihre Stimme erstickte fast. „Ich wollte euch nicht...“

Doch Eomer unterbrach sie. „Euch braucht nichts leid zu tun.“ Er war jetzt nur noch wenige Zentimeter vor ihr entfernt. „Tut es nur einfach noch einmal.“

Noch bevor Melyan ganz begreifen konnte, was er damit gemeint hatte, riss er sie an sich und presste seine Lippen auf ihren Mund.

Seine Leidenschaft raubte ihr den fast Atem, und Melyan vergaß schlagartig alle ihre guten Vorsätze. Nur zu gern ließ sie sich vom Rausch der Gefühle mitreißen, der über sie wie ein Sturm hereinbrach. Schwindelig vor Verlangen gewährte sie seiner fordernden Zunge Einlass, ließ ihn jeden Zentimeter ihres Mundes erkunden. Jede Beherrschung vergessend schlang sie ihre Arme um seine Hüften und presste ihren bebenden Körper noch enger an seinen. Sie konnte deutlich seine Erregung spüren, die sich hart gegen ihre Lenden presste und die er nicht länger zu verbergen suchte.

Ein Geräusch am Tor der Stallungen ließ sie jäh auseinander fahren. Völlig außer Atem versuchten sie den Anschein einer normalen Unterhaltung zu wecken, als der Soldat sein Pferd an ihnen vorbei in die Stallung führte.

„Ich bin mit eurem Vorschlag einverstanden,“ begann Eomer laut und Melyan hoffte, dass es dem Soldaten entgehen würde wie rau seine Stimme klang.

„Die Brennmark ist eine gute Wahl. Wir werden die Einzelheiten heute abend besprechen. Ich erwarte euch dann.“

Doch bei diesen letzten Worten sagten seine vor Erregung dunklen Augen nur allzu deutlich, dass er am Abend keineswegs ein Gespräch über Weidegründe führen wollte. Und leise, so dass nur sie es vernehmen konnte, fragte er unsicher: „Wirst du kommen?“

Ihr Innerstes schrie „Ja“, doch sie entschied sich, nur wortlos zu nicken. Sie traute ihrer Stimme noch nicht. Auf keinen Fall wollte sie ihn vor seinem Untergebenen in Verlegenheit bringen.

Eomer verließ schnellen Schrittes und ohne weitere Worte die Stallungen. Er war so aufgewühlt, dass er sonst befürchtete, sich doch noch zu verraten.

Sie würde kommen! Heute abend!

Sein Herz schlug wie verrückt bei dem Gedanken, sie bald wieder in die Arme schließen zu können.

 

Ohne seine Umgebung wirklich wahr zu nehmen, kehrte er in seine Räume zurück. Seine Erinnerungen an jene verhängnisvolle Nacht waren nur bruchstückhaft gewesen. Die Schmerzen hatten ihn fast wahnsinnig gemacht, und er war sich sicher gewesen, dass er den nächsten Morgen nicht erleben würde. Noch nie in seinem Leben hatte er solche Todesangst gehabt.

Doch dann waren da ihre Hände gewesen, diese Berührungen, die ihn, so war es ihm vorgekommen, ins Leben zurückgeholt hatten. Und er wusste nun endlich, dass das alles kein Wunschtraum eines im Fieber liegenden Mannes war. Sie begehrte ihn genau so wie er sie. Und das war alles, was für ihn in diesem Augenblick zählte.

8

Melyan versuchte den ganzen Tag vergebens sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren, doch sie war viel zu durcheinander. Sie sehnte sich schmerzlich nach seiner Nähe, doch ihr Verstand riet ihr eindringlich, sich nicht auf dieses Abenteurer einzulassen.

Denn mehr als ein Abenteuer konnte sie für Eomer nicht sein. Als König würde er seine Pflichten für sein Volk über seine eigenen Bedürfnisse stellen. Da war kein Platz für die Pferdeherrin.

Bis zum Abend aber hatte sie einen Entschluss gefasst: Sie wollte die Zeit, die ihr mit ihm blieb, so intensiv nutzen wie nur möglich, selbst wenn es nur diese eine Nacht geben sollte. Sie hatte sich schon immer mehr von ihren Gefühlen als von ihrem Verstand leiten lassen, und wenn sie ihn abwies -da war sie sich sicher- würde sie das ihr ganzes Leben bereuen.

Im Schutze der Dämmerung verließ sie mit klopfendem Herzen die Stallungen und machte sich auf den Weg. Da! Ein Geräusch! Gerade noch rechtzeitig wich sie in den Schatten eines Gebäudes, denn in diesem Moment verließ Gamling durch das große Eingangsportal die goldene Halle. Melyan war sich nicht sicher, ob er sie bemerkt hatte, aber als er ohne anzuhalten an ihr vorüber schritt, atmete sie erleichtert auf. Das hier war wirklich nichts für ihre ohnehin schon zum Zerreißen gespannten Nerven.

Ohne weitere Zwischenfälle gelangte sie dank ihrer Kenntnisse des Palastes durch eines der nicht bewachten kleineren Nebentore in die Halle und bog in den Seitengang zu Eomers Quartier ab. Doch als sie vor seiner Tür stand, keimten erneut Zweifel in ihr auf? Tat sie das richtige?

Sie atmete noch einmal tief durch und horchte in ihr Innerstes. Ja, das hier wollte sie mehr als alles andere auf der Welt, ungeachtet aller Folgen, die ihre Handlung nach sich ziehen konnte. Entschlossen öffnete sie seine Tür und trat ein.

Eomer hatte vor dem Feuer stehend schon sehnsüchtig auf sie gewartet, und beim Anblick seiner Augen, die sie voller Begierde empfingen, vergaß sie, dass sie jemals Bedenken gehabt hatte.

„Ich dachte schon, du hättest dich anders entschieden.“

Der Klang seiner vor Verlangen rauen Stimme ließ Melyan Schauer über die Haut laufen. Oh, Gott, dieser Mann sah atemberaubend aus.

„Ich bin hier, wie du siehst.“

Der Rohirrim kam langsam auf sie zu. „Und du bist dir sicher?“

Melyan ging ihm entgegen, bis sie ganz dicht voreinander standen, und flüsterte: „Eomer von Rohan, ich will dich!“

Mit diesen Worten zog sie ihn an sich und küsste ihn mit einer Leidenschaft, die ihn fast erschreckte. Ihre vollen Lippen pressten sich gegen seine, und ohne zu zögern glitt ihre Zunge zwischen seine Lippen und eroberte sich ihr Revier, ohne ihm auch nur den Hauch einer Chance zur Gegenwehr zu geben.

Und Eomer wollte sich nicht wehren. Im Gegenteil. Sie schmeckte so wunderbar. Was sie da gerade mit ihrer Zunge anstellte ließ ihn daran zweifeln, ob er jemals von einer Frau richtig geküsst worden war. Und zu seiner eigenen Überraschung stellte er fest, dass ihre Dominanz sein Verlangen nur noch mehr steigerte.

Ohne seinen Mund auch nur einen Moment freizugeben rückte Melyan ein Stück von ihm ab und öffnete geschickt Stück für Stück sein Hemd. Ganz allmählich ließ sie ihre Finger unter den Stoff wandern. Ihre Hände strichen aufreizend langsam über seinen Brustkorb hin zu seinen breiten Schultern. Dann glitten sie über seine Oberarme und ließen so sein Hemd zu Boden gleiten.

Eomer beglückwünschte sich innerlich zu seiner Idee, nur dieses Hemd zu tragen, so sehnsüchtig hatte er darauf gewartet, ihre Hände wieder auf seiner Haut zu spüren, dass er jede Verzögerung verfluchte.

Als sich ihre Lippen von seinen lösten, wollte er seinen Protest äußern, aber seine Stimme gehorchte ihm schon nicht mehr. Er sah Melyan in die Augen und glaubte darin versinken zu können. Nichts konnte sich mit diesen Augen messen.

Doch Melyan löste den Blickkontakt und ließ ihre Lippen wandern. Eomer stöhnte leise auf und ließ seinen Kopf in den Nacken fallen als ihr Mund sich seinen Weg suchte. Erst bedeckte sie einen Hals mit heißen Küssen. Dann spürte er ihre Zungenspitze, die sich in der Kuhle unter seine Kehle vergrub, bevor sie sich ihren feuchten Weg über seinen Brustkorb hin zu seiner linken Brust bahnte und dort feuchte Kreise zog, bis sich seine Nippel ihrer Zunge entgegenzustrecken schienen. Eomer schnappte nach Luft als sich plötzlich ihre Zähne in die empfindliche Haut bohrten.

Das war fast mehr als er ertragen konnte, und doch wollte er noch so viel mehr.

Er spürte wie ihre Hände jetzt über seinen Rücken wanderten, tiefer und tiefer, bis ihre Finger an seinen Gesäßmuskeln anlangten und zupackten.

Eomer konnte sich kaum mehr auf den Beinen halten. Hätte sie ihn nicht gehalten, er wäre wahrscheinlich zusammengesunken. Diese Frau hatte eine unglaubliche Macht über ihn. Und es war ihm erstaunlicherweise egal. Mehr noch: Er, der es gewohnt war zu befehlen, genoss es in vollen Zügen.

 

Melyan hätte schreien können vor Glück. Ja, sie hatte ihn gewollt, mehr als alles auf der Welt, aber das hier überstieg ihre kühnsten Erwartungen.

Es war nicht so, dass sie keine Erfahrungen mit Männern hatte. Die hatte sie mehr als ihr lieb war. Doch ihr Temperament schien geradezu magisch solche Männer anzuziehen, die sich zum Ziel gesetzt hatten, sie zu unterdrücken, sie wie ein wildes Pferd zu zähmen und zu unterwerfen.

Nein! Das war es nicht, was sie wollte. Sie brauchte ihren eigenen Willen, ihre Freiheit, sie brauchte ....Eomer.

All ihre geheimsten Wünsche schienen Realität zu werden. Sie bestimmte die Regeln, und er hinderte sie nicht. Im Gegenteil: Er gab sich ihr völlig hin, überließ sich ganz ihrer Führung.

Und sie übernahm sie mit all ihrer Leidenschaft.

Nur widerstrebend unterbrach sie ihre Liebkosungen, aber es gab bessere Orte dafür als hier stehend mitten im Raum. Mit einem übermütigen Glitzern in ihren Augen schob sie Eomer zurück zum Feuerplatz, gebot ihm mit sanftem Druck, sich auf die Felle und Decken, die dort einladend ausgebreitet lagen, niederzulegen und genoss für einen kurzen Moment einfach nur seinen Anblick. Er lag da wie in jener alles verändernden Nacht, sein nackter Oberkörper glänzte bronzen im Schein des Feuers. Oh, Gott, wie sie ihn begehrte!

Eomer schaute zu ihr hoch. Die Art wie sie ihn ansah ließ seine letzte Willenskraft dahinschmelzen. Sie konnte mit ihm alles machen. Alles! Die Silhouette ihres schlanken Körpers schimmerte im Gegenlicht der Flammen durch ihr Kleid hindurch und ihre Augen schienen ihn zu verschlingen. Kein Anblick hatte ihn jemals mehr erregt als dieser. Bis zu dem Moment als sie begann, langsam und jede Bewegung auskostend die Verschlüsse ihres Kleides zu öffnen.

Eomers Kehle war auf einmal furchtbar trocken.

Zentimeter für Zentimeter ihres wunderbaren Körpers gab sie ihm preis. Dann ließ sie ihr Kleid zu Boden sinken.

Bei den Valar! Unter ihrem Kleid war sie nackt! Eomer rang nach Luft. Die bloße Vorstellung, dass sie in nichts als diesem Kleid zu ihm gekommen war, reichte aus, um ihn vor Verlangen erschaudern zu lassen. Das Kaminfeuer ließ ihre Haut golden schimmern. Seine Blicke wanderten hungrig über ihre schmalen Schultern, ihre runden, festen Brüste, über ihre schlanken Hüften hin zu dem dunklen Dreieck zwischen ihren Schenkeln. Nie hatte er etwas Schöneres gesehen.

Melyan genoss seine Blicke in vollen Zügen. Es war als würde er sie mit den Augen liebkosten. Sie zitterte leicht. Doch das war ihr nicht genug. Noch lange nicht. Ihr Blick wanderte über seinen Körper.

„Du hast eindeutig noch zu viel an.“ Ihre Stimme klang rau.

Eomer ließ sich das nicht zweimal sagen. Er streifte sich seine Stiefel ab und öffnete mit zittrigen Fingern die Bänder seiner Beinkleider. Verflucht! Er war doch sonst nicht so ungeschickt. Er hatte das Gefühl, das Rasen seines Pulsschlags laut wie Trommeln zu hören als er endlich nackt vor ihr lag und wartete, was sie jetzt tun würde.

Melyan näherte sich ihm, jeden Moment auskostend. Was für ein Anblick! Dieser Mann hatte einen Körperbau, der es ihr schwer machte, nicht sofort über ihn herzufallen. Doch das wäre nur ein zu kurzer Genuss gewesen. Stattdessen kniete sie sich jetzt vor ihn hin und ließ ihre Hände betont langsam seine kraftvollen Beine hochwandern, immer näher hin zum Zentrum seiner Männlichkeit.

Eomers Atem raste. Er hatte keine Ahnung wie lang er ihre Berührungen ertragen konnte, ohne die letzte Kontrolle zu verlieren.

Melyan beugte sich tiefer. Ihre langen Haare strichen sanft über seine Schenkel. Eomer schloss die Augen und versuchte, seine Beherrschung wiederzuerlangen, doch das kostete ihn all seine Kraft als er plötzlich ihre Zunge spürte, die sich ihren Weg über die Unterseite seines zum Zerreißen angespannten Gliedes bahnte. Dann, ohne Warnung, ließ sie ihn in ihren warmen Mund gleiten.

Eomer keuchte. Ohne dass er es unter Kontrolle hatte, bewegten sich seine Hüpfen, um noch tiefer in ihr zu versinken. Oh, Gott! Was stellte sie da bloß mit ihrer Zunge an? „Melyan, bitte!“ hörte er sich stöhnen. Er wusste nicht einmal, worum er sie bat. Sollte sie nie wieder damit aufhören? Oder sollte sie Schluss machen mit dieser Folter, weil er nicht mehr lange in der Lage sein würde, sich zurückzuhalten?

Kurz bevor er glaubte, es nicht mehr aushalten zu können, ließ sie sein Glied wieder frei. Dann begann sie, seinen Körper mit heißen Küssen zu bedecken. Immer wieder ließ sie ihre Zunge feuchte Spuren auf seiner Haut hinterlassen.

Eomers Körper schien zu vibrieren. Das war mehr als er ertragen konnte. Ihr Körper schob sich jetzt über den seinen und ihre Brüste pressten sich gegen seine schweißnasse Haut. Jetzt waren ihre Lippen an seinem Mund angekommen und ihre Zunge begann, seine Lippen zu liebkosen. Eomer schlang seine Arme um ihren Leib. Mit dem letzten Rest seines Verstandes versuchte er sich zu zügeln, um sie nicht zu verletzten, denn in seiner Leidenschaft konnte er ihr gar nicht nah genug sein und presste sie fest an sich. Er wollte jeden Zentimeter ihres Körpers auf seiner Haut spüren. Ganz deutlich konnte er ihr Herz spüren, dass genauso heftig schlug wie seins. Ihr Atem raste und auf ihrer Haut glänzten Hunderte kleiner Schweißperlen, die sich mit seinen vermischten.

Melyan löste sich aus seiner Umarmung und richtete sich auf. Dann endlich öffnete sie ihre Schenkel und gewährte seinem harten Glied Einlass in ihren heißen Schoß.

Eomer schrie auf. Alles drehte sich. Noch nie zuvor hatte er sich so fallen lassen, hatte völlig die Kontrolle verloren. Er ließ sie den Rhythmus bestimmen, überließ ihr alles. Seinen Körper, seine Seele, sein Herz.

Rasend vor Verlangen sah er ihren sich immer schneller bewegenden, geschmeidigen Körper über sich, sah ihre Brüste sich über ihm bewegen, sah wie sie ihre Augen schloss, ihren Kopf nach hinten warf, , jeder ihrer Atemzüge begleitet durch leises Stöhnen.

Eomer glaubte, ein Feuerwerk hinter seinen Augen explodieren zu sehen. Dann, mit einem lauten Schrei, brach der letzte Damm seiner Kontrolle, und er spürte, wie Melyans Körper in höchster Ekstase bebte, seinen Namen auf den Lippen.

 

Dann ließ sie sich erschöpft auf seine Brust sinken.

Eine ganze Weile lagen sie beide da, eng umschlugen und nach Atem ringend. Es brauchte eine Zeit bis sich ihr Pulsschlag wieder beruhigt hatte.

Eomer sah Melyan lange in ihre im Feuerschein dunkelgrün schimmernden Augen.

„Jetzt weiß ich endlich, dass du nicht nur temperamentvoll bist, wenn du dich mit jemand streitest.“

Sie lächelte in spitzbübisch an. „Wäre es dir anders lieber?“

Er strich ihr zärtlich eine Strähne ihres Haares aus dem Gesicht.

„Nein, ganz bestimmt nicht.“

Er schlang seine Arme um ihre zierlichen und wundervollen Körper, und ohne auch nur einen Gedanken an die Welt da draußen zu verschwenden, schliefen sie eng umschlungen ein.

 

Melyan erwachte als erste, noch vor Morgengraun. Und die kalte Realität holte sie schnell wieder ein. Buchstäblich kalt. Sie hatten sich nach ihrer gemeinsamen Nacht nicht wieder angekleidet oder zugedeckt. Sie waren einfach vor dem Kamin eingeschlafen, in dem jetzt das Feuer erloschen war. Der Raum war kalt. Und genau so fühlte sie sich. Ihr Körper und ihr Innerstes.

Wie gern wäre sie geblieben, hätte sich weiter an ihn geschmiegt und gewärmt, aber ihr war von vorn herein klar gewesen, dass das nicht möglich sein würde. Die Nacht war vorbei, und der Morgen brachte die unumstößlich Tatsache wieder ans Licht, dass ihr zukünftiger König sich nicht mit ihr sehen lassen durfte. Sie musste unbedingt aus seinem Quartier verschwunden sein, ehe das Leben in Edoras erwachte. Vorsichtig, wenn auch widerstrebend, löste sie sich aus seiner Umarmung und kleidete sich leise an. Mit einem letzten Blick auf ihren immer noch tief schlafenden Geliebten schlüpfte sie durch die Tür und eilte die Gänge entlang aus der Halle.

Wenn sie nicht noch so sehr in Gedanken bei Eomer gewesen wäre, hätte sie vielleicht hinter der letzten Säule Gamling bemerkt, der ihr finster hinterher sah.

 

9

Jeder Mann und jede Frau in Edoras war seit Tagen mit den Vorbereitungen für die Krönungsfeier beschäftigt. Es wurden Gäste aus ganz Mittelerde erwartet, und die Stadt sollte im Glanz alter Tage erstrahlen. Quartiere mussten hergerichtet werden, Speisen und Getränke wurden aus allen Teilen des Landes herbeigeschafft. Trotz der Entbehrungen, die die Rohirrim auch nach dem Krieg noch erdulden mussten, wollten alle ihrem neuen König ihre Loyalität und uneingeschränkte Unterstützung beweisen. Jeder packte an, wo es nur ging.

An diesem Morgen standen Eomer und Gamling vor der goldenen Halle und sahen auf das geschäftige Treiben herab. „Seht, mein Herr Eomer, was das Volk im Stande ist zu leisten, wenn es nur einen starken König hat, zu dem es aufblicken kann. Euer Volk braucht euch mehr denn je.“ Eomer Augen wanderten zu den Stallungen. In der vergangenen Nacht hatte niemand von ihm erwartet stark zu sein. Gamling glaubte zu wissen, was das Volk brauchte. Was er selbst brauchte, wusste er nur zu genau.

 

Es war sicher eine kluge Entscheidung von Melyan gewesen, ihn nicht zu wecken, als sie ihn verlassen hatte. Er hätte sie nicht gehen lassen wollen, und ihre gemeinsame Nacht wäre so sicher nicht unentdeckt geblieben. Doch all dieser vernünftigen Überlegungen zum Trotz sehnte er sich nach ihrer Nähe. Vor seinen Augen sah er wieder ihren Körper, schön und so begehrenswert im Licht des Feuers. Der Gedanke daran ließ sein Verlangen wieder aufflammen, und er mahnte sich zur Ruhe. Er würde sich noch wahnsinnig machen, wenn er immer wieder an sie dachte.

Als Gamling ihn auf Reiter aufmerksam machte, die sich Edoras über die Ebene näherten, wurde seine Laune nicht besser. Die ersten Gäste trafen ein, und es würde jetzt für ihn immer schwieriger werden Melyan noch einmal zu treffen, bevor …ja, bevor er als König endgültig allein bleiben würde.

Die Reiter kamen immer näher und bald erkannte Eomer in ihnen Eowyn, Faramir, Legolas und Neoryn. Ein unbehagliches Gefühl in der Magengegend machte sich in ihm breit. Den beiden Frauen hatte er nur selten etwas verheimlichen können. Außerdem war er nicht sicher, ob er es ertragen konnte, gleich von zwei turtelnden Liebespaaren umgeben zu sein, ohne nicht verrückt vor Einsamkeit zu werden.

Nichtsdestotrotz entschlossen, seine Gäste zu begrüßen, ging er den Vieren entgegen. Schließlich kamen da seine geliebte Schwester und Neoryn. Und er gönnte ihnen ihr Glück von Herzen.

Vor den Stallungen, die das erste Ziel der Reiter waren, trafen sie zusammen, als in diesem Moment Melyan durch das Tor heraus trat. Eomer warf ihr einen kurzen, warnenden Blick zu und wies nur unmerklich auf die Ankommenden.

Melyan verstand. Sie blieb scheinbar ruhig an den Stallungen stehen und wartete darauf, ihren Dienst als Pferdeherrin auszuüben.

Der Rohirrim war erleichtert, die Konfrontation vermieden zu haben, und hieß nun Faramir und Legolas in Edoras willkommen. Dann nahm er Eowyn und Neoryn lachend in den Arm

„Na, euch zwei scheint es ja richtig gut zu gehen.“

Er stellte fest, dass er sich trotz allem sehr freute, die beiden wieder um sich zu haben. Sie sahen wirklich glücklich aus. Mit einem Augenzwinkern zu den beiden Männern, fügte er schmunzelnd hinzu.

„Das hätte ich den Zweien auch geraten. Wer sich euch gegenüber nicht anständig benimmt, bekommt es mit mir zu tun.“

Aus dem Augenwinkel heraus beobachtete er Melyan, wie sie zwei Soldaten anwies, sich um die Pferde zu kümmern. Vielleicht war es auch besser so, wenn sie jetzt nicht in seine Nähe kam. Er fürchtete sich zu verraten.

Die Gedanken an sie schnell verscheuchend wandte er seine Aufmerksamkeit wieder seinen Gästen zu.

„Eure Quartiere sind bereits vorbereitet. Kommt mit! Wir setzten uns in der Halle zusammen. Ihr werdet hungrig sein vom langen Ritt.“

Er schritt voran, ohne zu bemerken, dass Eowyn sich schnell noch einmal umdrehte und Melyan neugierig nachschaute.

 

Den ganzen Tag über trafen nach und nach immer mehr Gäste ein, und beim gemeinsamen Mahl am Abend war die goldene Halle angefüllt mit lachenden, lärmenden Männern und Frauen, die sich schon auf die kommenden Festlichkeiten freuten. Eomer ging von Tisch zu Tisch, warf hier und da ein paar Worte ein, aber innerlich stieg seine Unruhe. Er hatte Melyan seit dem Morgen nicht mehr gesehen, und er wollte unbedingt zu ihr. Langsam arbeitete er sich unauffällig durch die Menge zur Pforte als Gamling in seinen Weg trat.

„Wollt ihr schon gehen, Herr Eomer?“

Etwas in seiner Stimme missfiel Eomer.

„Ja, Gamling.“ Seine Stimme hatte einen verärgerten Unterton, der Gamling nicht entging. „Es sind einfach zu viele Menschen um mich herum. Ich brauche für kurze Zeit ein bisschen Abstand.“

Gamling kam einen Schritt näher und dämpfte seine Stimme.

„Ihr solltet genau bedenken, was ihr tut, mein Herr Eomer. Ich habe König Théoden immer gut beraten. Und ich werde auch euch gerne mit Rat zur Seite stehen, wenn ihr es erlaubt. Rohan braucht einen starken König.“

Eomer sah ihn scharf an. „Was wollt ihr damit sagen?“

Gamling holte tief Luft, als müsse er für das, was er sagen wollte, seinen ganzen Mut zusammen nehmen. „Lasst ab von dieser Frau. Sie schadet euch nur. Denkt an meine Worte.“

In Eomer kochte Wut hoch. „Gamling, ihr kümmert euch um Dinge, die euch nichts angehen.“

Gamling senkte schnell sein Haupt. Vielleicht hatte er sich zu weit vorgewagt.

„Verzeiht, mein Herr Eomer, ich tue nur das, was ich für Rohan am Besten erachte.“ Und er kehrte um und verschwand in der Menge, ehe Eomer antworten konnte.

 

Eomer trat vor die Halle. Ein kühler Abendwind empfing ihn, und die ersten Sterne glitzerten am wolkenlosen Himmel. Der Rohirrim blickte nachdenklich über die Ebene. Hatte Gamling vielleicht Recht? Musste er tatsächlich alles, wonach er sich sehnte, dem Wohle Rohans opfern? Vielleicht, aber jetzt noch nicht. Nicht in dieser Nacht. Im Schutze der Dunkelheit lief er zu den Stallungen hinunter.

Hinter ihm trat Eowyn aus dem Schatten der Säulen und sah ihm nach.

 

10

Melyan hatte es den ganzen Tag vermieden, in die Nähe der Halle zu kommen. Auf keinen Fall wollte sie eine erneute Begegnung mit Eomer in Gegenwart anderer riskieren. Sie hatte ja von Anfang an gewusst, worauf sie sich einließ, trotz allem hatte sie der Vorfall am Morgen verletzt. Nicht einmal seiner Schwester gegenüber schien Eomer ihre Beziehung offenbaren zu wollen.

Zum Glück lenkte ihre Arbeit sie ab. Es waren so viele Tiere unterzubringen und zu versorgen, dass sie erst vor wenigen Minuten etwas zur Ruhe gekommen war.

Doch sofort kreisten ihre Gedanken wieder nur um ihn. Es war ihr als könne sie immer noch seine Blicke auf ihrer Haut spüren, seine Arme um ihren Körper. Die Sehnsucht nach ihm war beinahe schmerzhaft.

Ein Geräusch hinter ihr riss sie aus ihren Gedanken und ließ sie herumfahren. Mitten im Gang stand Eomer und schaute sie mit einem seltsamen Ausdruck an. Er wirkte irgendwie verletzt und traurig, doch in seinen dunklen Augen sah sie sein Verlangen.

Ihren eigenen Stolz und alle Vorsicht vergessend lief sie ihm regelrecht entgegen und warf sich in seine Arme. Seine Küsse waren wild und fordernd. Melyan stöhnte auf und ließ sich fort tragen vom Rausch der Gefühle, die wie Wogen über ihr zusammenschlugen. Sie spürte, wie er sie immer noch eng umschlungen vom Boden hob und mit ihr in die nächstgelegene Kammer zurückwich. Der Gang war nun wirklich nicht der passende Ort.

Sie hatten sich so sehr nacheinander gesehnt, dass keiner den anderen loslassen wollte. Ihre Küsse waren voll wilder Leidenschaft. Eng umschlungen taumelten sie zurück und wären beinahe über die Strohballen gestützt, die in der Kammer lagerten. Eomer landete etwas unsanft sitzend auf einem der Ballen, und Melyan ergriff sofort die Gelegenheit. Ohne auf seine Küsse auch nur einen Moment verzichten zu müssen, setzte sie sich auf seinen Schoß und nahm seine Hüfte zwischen ihre Schenkel.

Eomer keuchte laut auf als sie sich so unvermittelt nah an seine Lenden schmiegte. Melyan entließ ihn aus ihrer Umarmung, nur um mit flinken Fingern seine Tunika zu öffnen und ihre Hände begierig unter den Stoff zu schieben. Ihr Herz raste als ihre Finger über jeden einzelnen Muskel seines geschmeidigen Oberkörpers glitten.

Eomer ließ seine Finger langsam über ihren Rücken gleiten. Dann wanderten seine Hände über ihre Hüften ihre schlanken Beine hinunter und unter ihr Kleid. Langsam, jeden Zentimeter auskostend, schob er den Stoff nach oben.

Bei den Mearas! Trug diese Frau nie etwas unter ihren Kleidern?

Seine Hände wanderten begierig zu ihren festen, wohlgeformten Brüsten, und Melyan stöhnte lustvoll auf als sie fühlte wie er zupackte.

Dann legte sie ihre Arme auf seine Schultern, vergrub ihre Hände in seinen langen Haaren und zog seinen Kopf in den Nacken. Eomer atmete schwer als erst ihre Lippen und dann ihre feuchte Zunge seinen Hals und Nacken liebkosten. Immer stürmischer drang sie auf ihn ein, bis er schließlich ihre Zähne in seinem Fleisch spürte.

Welch süßer Schmerz!

Eomer verlor völlig die Beherrschung. Zitternd vor Verlangen ließ er sich die Tunika vollends vom Körper streifen.

Melyan Hände wanderten zwischen ihre Körper und öffneten geschickt die Bänder seiner Beinkleider. Nur ihr wilder Kuss verhinderte, dass sein Schrei durch die Stallungen schallte als sie ohne Vorwarnung sein hartes Glied ergriff.

Für einen kurzen Moment wurde sich Eomer bewusst, dass er es hier gerade wie ein Stallknecht mit irgendeiner Dirne trieb (ein Gedanke, der ihn nur noch mehr erregte). Dann war er auch zu solchen Gedanken nicht mehr fähig, denn Melyan führte seine Manneskraft in ihren Schoß.

Eomer keuchte laut auf, und es fiel ihm schwer, sich auch nur noch einen Moment zurückzuhalten. Der Duft ihres erregten Körpers betäubte ihm die Sinne. Sich fest an ihn klammernd ließ sie ihrer Begierde freien Lauf, und ihr sich immer schneller bewegender Körper versetzte sie beide in einen scheinbar nicht enden wollenden Strudel der Leidenschaft, bis sie gemeinsam, ihre lustvollen Schreie erstickt in einem letzten stürmischen Kuss, bebend den Gipfel ihrer Ekstase erreichten.

 

Eng umschlungen gelangten sie allmählich wieder zu Atem.

Melyan löste sich schließlich von ihm. Ihr Verstand begann allmählich wieder zu arbeiten. Und mit ihm kam die Erkenntnis, dass sie hier vielleicht doch einen fatalen Fehlen begingen.

„Deine Gäste werden sich schon wundern, wo du abgeblieben bist.“

Eomer blickte sie heißhungrig an. „Im Moment ist mir das völlig egal.“ Er versuchte, sie wieder in seine Arme zu ziehen, aber sie entwand sich seinem Griff.

„Nein, lass mich.“

Sie löste sich vollends von ihm, stand auf und brachte ihr Kleid wieder in Ordnung.

„Du hast dort Pflichten, die nicht länger warten können.“ Sie hoffte, dass er nicht bemerkte, wie schwer ihr diese Worte über die Lippen kamen.

Eomers Gesicht verfinsterte sich. „Warum musst du jetzt so vernünftig werden.“

„Einer von uns muss es ja sein.“ Und sie reichte ihm seine Tunika. Verbittert zog der Rohirrim sich wieder an.

„Du hast Recht.“ Er hatte den Gedanken weit von sich schieben wollen, aber letzten Endes konnte er nicht vor der Verantwortung fliehen. Das lag nicht in seiner Natur.

„Ich habe eine Aufgabe zu erfüllen. Und außerdem: wenn ich noch länger bleibe, schöpft vielleicht noch jemand Verdacht.“

Und seine Gedanken wanderten zu Gamling, der ihm sicher gleich ein paar passende Worte sagen würde.

Er wandte sich zum Gehen, drehte sich aber noch einmal um, als ob er ihr noch etwas sagen wollte.

Erwartungsvoll sah sie ihn an. Wollte er von seinen Gefühlen reden? Von einer gemeinsamen Zukunft, die es doch nie geben würde? Was immer es auch war, er sprach es nicht aus, sondern ging ohne ein weiteres Wort zur goldenen Halle zurück.

Melyan sah ihm traurig nach. Plötzlich kam es ihr in den Stallungen sehr kalt vor.


11

Eomer war völlig durcheinander. Noch aufgewühlt vom Sturm der Gefühle, der ihn gerade überrannt hatte, wollte er am liebsten bei ihr bleiben, wollte ihr gestehen, dass er sich ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen konnte.

Sie aber hatte ihn fortgeschickt und ihn an seine Pflichten erinnert. Er wusste nur zu gut, was er seinem Volk schuldig war, doch das Opfer, das von ihm verlangt wurde, war größer als er jemals vermutet hätte. Je öfter er in ihrer Nähe war, um so mehr sehnte er sich nach ihr. Noch ganz in Gedanken versunken wollte er gerade wieder die Halle betreten als sich Eowyn in seinen Weg stellte.

„Wo warst du?“

Musste er hier jedem Rechenschaft ablegen?

„Ich habe nur ein wenig frische Luft geschnappt.“ Sein Tonfall war ungewollt scharf, aber er war im Moment nicht in der Lage seine Gefühle im Zaum zu halten.

„So, so.“ Sie griff in sein Haar und entfernte ein kleines Stück Stroh. „Luft schnappen nennt man das jetzt.“ Sie lächelte vielsagend. „Du musst ja wissen, was du tust.“ Eomers Verbitterung entlud sich in Wut.

„Glaubt denn hier jeder, er habe mir Vorschriften zu machen?“

Eowyn erschrak. „Ich wollte nur...“

„Du wolltest was? Ach, hör doch auf. Ich weiß schon, was man von mir erwartet. Zerbreche dir darüber nicht deinen hübschen Kopf. Schließlich kann nicht jeder hier sein Land verlassen und das tun, was er sich am sehnlichsten wünscht.“

Und damit ließ er die verblüffte Eowyn einfach stehen und schritt immer noch vor Zorn bebend in die Halle.

Seine Schwester starrte ihm nach. Sie hatte ihm eigentlich sagen wollen, dass sie sich für ihn freute, da er scheinbar jemand gefunden hatte, der sein Herz erobert hatte. Doch nach seinem Wutausbruch war sie sich ganz sicher: Er hatte sich schwer verliebt, aber irgendetwas schien nicht so zu laufen, wie er sich das vorgestellt hatte. Eowyn machte sich Sorgen um ihren Bruder. Die Verantwortung eines Königs war schon groß genug. Er sollte nicht auch noch an gebrochenem Herzen leiden. Vielleicht würde Neoryn ja morgen mehr aus ihm heraus bekommen.

Währenddessen veranlasste in der Halle Eomers Gesichtsausdruck Gamling dazu, lieber keine weiteren Ratschläge zu erteilen.

 

Der nächste Morgen kam, und mit ihm neue Gäste. Der weiße Zauberer Gandalf traf mit den vier Hobbits Frodo, Sam, Merry und Pippin und dem Zwerg Gimli ein. Eigentlich hatten sie schon am Tag zuvor ankommen wollen, aber die Ponys der Hobbits waren nicht die schnellsten. Noch mehr hatten sie allerdings die immer noch mangelhaften Reitkünste des Zwerges aufgehalten. Gimli ließ sich schimpfend vor den Stallungen vom Pferd plumpsen.

„Ich habe es euch doch gleich gesagt: Zwerge gehören mit ihren Füßen auf festen Boden und nicht ein paar Fuß über denselben auf diese vierbeinigen Ungeheuer. Das nächste Mal laufe ich wieder.“ Er rieb sich sein schmerzendes Hinterteil.

„Dass dieser Elb sich auch einfach so davon macht und mich allein lässt mit diesem Ross. Obwohl,“ Gimli grinste breit. „Frau Neoryn ist es wirklich wert, einen solchen Griesgram wie mich ziehen zu lassen.“

Und dabei zwinkerte er den Hobbits zu, die kichernd von den Ponys kletterten. Gandalf lachte laut. „Jetzt habt ihr es ja überstanden, Gimli.“

Dann sprang auch er von Schattenfell und sah hinüber zu den Stallungen, wo gerade Melyan mit einigen Bediensteten erschien und auf sie zukam.

„Ich grüße euch, Mithrandir. Wir haben euch bereits erwartet.“ Sie senkte zur Begrüßung ihr Haupt. „Ich bin die Pferdeherrin und werde mich um eure Tiere kümmern. Der Herr der Riddermark erwartet euch sicher schon in der goldenen Halle.“

Gandalf sah sie neugierig an. Eine Frau als Stallmeister bei den Rohirrim war mehr als ungewöhnlich.

„Dann gebt gut Acht auf sie.“ Und seine Augen lagen fast zärtlich auf Schattenfell.

Melyan verstand. „Ihr braucht euch um den Hengst keine Sorgen zu machen, Mithrandir. Ich habe für ihn einen besonders guten Platz ausgesucht. Der Fürst der Rösser wird sich bei mir wohl fühlen.“

Sie ging langsam auf Schattenfell zu und begrüßte auch ihn mit einem Kopfnicken. Dann legte sie ihre Hand auf seinen Hals, sprach leise mit ihm und wandte sich dann den Stallungen zu. Ohne zu zögern folgte ihr der Hengst durch das Tor.

Gandalf war beeindruckt. Schattenfell vertraute sich sonst nicht so schnell anderen Menschen an. Diese Frau verstand ihr Handwerk. Gimli sah ihr mit großen Augen hinterher.

„Scheinbar sind diese Elben nicht die einzigen, die mit diesen Viechern umgehen können. Und noch dazu ist diese Rohirrim eine wahre Augenweide. Ich glaube, hier gefällt es mir.“ Breit schmunzelnd machte er sich auf den Weg zur Halle, gefolgt von seinen Gefährten.

In der mit vielen Männern und Frauen angefüllten Halle gab es ein großes Hallo mit Faramir, Legolas und den beiden Frauen als hätte man sich schon seit Jahren nicht gesehen. Dabei waren sie erst vor kurzem gemeinsam von Gondor aufgebrochen. Gimli stieß Pippin in die Rippen, wobei dieser fast von den Beinen geschubst wurde, und deutete grinsend auf die beiden Pärchen, die zärtliche Blicke austauschten.

„Tja, mein Herr Tuk, verliebt müsste man sein. Guckt euch zum Beispiel diesen Elben an. Vergisst alles um sich herum. Hat man da noch Worte?“ Gimlis dunkles Lachen hallte durch den Raum. Seinen Freund so glücklich zu sehen versetzte ihn offensichtlich in Hochstimmung, und er schien keinem mehr so richtig böse zu sein, weil ihnen seine Reitversuche zu langsam gewesen waren.

Pippin sah sich um, entdeckte Eomer und flüsterte Gimli zu: „Unser Gastgeber scheint aber nicht die beste Laune zu haben. Dabei gibt es doch allen Grund zu feiern. Apropos feiern.“ Und er wandte sich den anderen Hobbits zu. „Sollen wir gleich mal schauen, wo wir hier was Anständiges zwischen die Zähne kriegen? So ein Ritt macht mächtig hungrig.“

Und damit hatte er den traurigen Gesichtsausdruck des Fürsten schon fast wieder vergessen. Nur Merry sah ihm noch eine Weile besorgt hinterher und grübelte über die Ursache des Kummers, der seinen Freund befallen hatte.


12

Den ganzen Tag hatte Eomer versucht, sich von seinen Gästen loszueisen, die immer zahlreicher wurden, aber entweder es gelang ihm nicht oder, wenn er die kurzen Momente nutzte, konnte er Melyan nirgends finden. Fast schien es ihm sie ginge ihm aus dem Weg. Langsam, aber unaufhaltsam wandelte sich seine Unruhe in Angst. Morgen schon würde er zum König ernannt werden, und er hatte nicht die leiseste Ahnung, wie sich seine Beziehung zu Melyan dadurch verändern würde oder ob überhaupt noch so etwas wie eine Beziehung danach bestand. Keiner von ihnen hatte es bisher gewagt, von Gefühlen zu sprechen.

Eomer saß an einem der Tische und starrte durch die Menschen hindurch, die wie immer in den letzten Tagen die Halle füllten. Was hätte er ihr auch sagen können? Dass er sie weiter heimlich treffen wollte, weil er sie über alles begehrte, sich aber nicht zu ihr bekennen durfte zum Wohle Rohans?

Zum Wohle Rohans. Eomer spürte Verbitterung. Warum nur durften alle in seiner Umgebung glücklich sein, nur der König nicht?

Gamling machte sich durch ein Räuspern bemerkbar und riss ihn aus seinen Gedanken.

Das war jetzt genau, was er brauchte! Noch mehr gute Ratschläge, dachte er verbittert.

Doch Gamling ließ sich durch seinen abweisenden Blick nicht abhalten.

„Herr Eomer, die letzten Gäste werden bald eintreffen. Ein Soldat meldete mir gerade, dass König Elessar von Gondor und Königin Arwen mit ihrem Gefolge schon in Sichtweite sind. Es ist alles für ihre Ankunft vorbereitet. Ihr könnt sie in einer halben Stunde empfangen.“

Eomer dachte an Aragorn, den Waldläufer und Kriegsherren, seinen Kampfgefährten und Freund, der trotz seiner Königswürde seine Liebe nicht hatte opfern müssen. Ein Funke Hoffnung keimte in ihm auf.

Doch Gamling war noch nicht fertig. „Herr Eomer, bitte denkt an meinen Rat.“ Er dämpfte seine Stimme. „Rohan braucht...“

„Ja!“ unterbrach ihn Eomer scharf. „Rohan braucht einen starken König. Ich habe es begriffen.“ Und der Funke Hoffnung verschwand so schnell wie er gekommen war.

 

Der Herr der Riddermark ließ Gamling stehen und machte sich auf, seinen Gästen entgegenzugehen, als sich vor der Halle Neoryn in seinen Weg stellte. Eomer verdrehte die Augen. „Willst du mir jetzt auch noch sagen, was ich tun darf und was nicht?“

Neoryn ließ sich durch seinen barschen Ton nicht abschrecken

„Nein, das will ich nicht.“ Sie legte ihm beruhigen ihre Hand auf den Arm.

„Ich will wissen, was mit dir los ist.“

„Was soll denn los sein? Es ist alles in bester Ordnung.“ versuchte der Rohirrim auszuweichen.

„Mach mir doch nichts vor, Eomer. Ich kenne dich fast mein ganzes Leben. Ich bin deine Freundin. Du kannst dich mir anvertrauen.“

Eomer sah sie traurig an. „Du kannst mir auch nicht helfen, Neoryn. Rohan braucht mich! Und was ich brauche, spielt keine Rolle.“ Damit eilte er die Treppen hinunter, ohne sie noch einmal anzublicken.

Eowyn trat hinter einer Säule hervor und sah ihrem Bruder nach.

„Ich weiß, dass er es hasst, wenn wir uns einmischen, aber wir sollten etwas unternehmen. Ich kann es nicht ertragen, ihn so unglücklich zu sehen. Wenn ich nur wüsste, was in seinem Kopf vor sich geht.“ Sie wandte sich zu Neoryn. „Ich werde mit ihr sprechen.“

„Du weißt, wer es ist?“

„Ja, ich glaube schon. Mein Bruder hat sich in Frau Melyan verliebt, die Pferdeherrin von Rohan.“

„Die hübsche Rothaarige? Ich muss sagen, dein Bruder hat Geschmack.“ Und ein Lächeln huschte über ihr schönes Gesicht.

Aber auch Eowyn konnte Melyan nicht finden. Sie schien sich in Luft aufgelöst zu haben. Doch ihre Untergebenen schien sie gut angewiesen zu haben. Auch die große Schar der Pferde aus Gondor wurde durch viele flinke Hände untergebracht und gut versorgt. Eowyn nahm sich vor, ihre Augen offen zu halten.

 

Als der Abend nahte, drangen laute Stimmen und fröhliche Gesänge aus der goldenen Halle über die Dächer von Edoras. Dicht gedrängt feierten Menschen, Elben, ein Zwerg und vier Hobbits den Vorabend der Krönung. Ihre Stimmung war noch ausgelassener als bei der letzten Feier in diesen Hallen, denn schließlich gab es keinen mächtigen Feind mehr da draußen, der nur darauf wartete, zuzuschlagen. Es würde sicher noch lange dauern bis sich die Länder von Gondor und Rohan ganz von Sauron erholt hatten, aber alle waren zuversichtlich, dass mit König Elessar und König Eomer bessere Zeiten anbrachen.

Die Hobbits sangen ein Trinklied nach dem anderen, und wenn sie vom Singen mal eine Pause machten, fielen sie über die köstlichen Speisen her, die entlang der Wände aufgebaut waren. Kaum einer achtete auf den zukünftigen König, der sich langsam in den Seitengang zurückzog und von dort in sein Quartier verschwand.

 

13

Eomer konnte die Fröhlichkeit und Ausgelassenheit nicht länger ertragen. Melyan war nicht wie so viele andere Rohirrim zu der Feier erschienen. Er wollte doch nichts weiter als ihre Nähe. Alle anderen da draußen waren ihm im Moment völlig egal.

Erschrocken zuckte er zusammen als die Tür aufging und Melyan plötzlich vor ihm stand. Schon wollte er sie überglücklich in seine Arme schließen, aber ihr eiserner Blick gebot ihm Einhalt. Ihre Augen sahen in kalt an.

„Ich bin nur gekommen, um einige Dinge klarzustellen.“ Ihre scharfe Stimme jagte ihm eisige Schauer über den Rücken.

„Wir zwei hatten ein nettes Abenteuer, aber das ist nun vorbei. Du musst dir wohl als König eine neue Gespielin suchen. Ich stehe nicht länger zur Verfügung.“

Und ohne ihm nur einen Augenblick zu geben, auf das Gehörte zu reagieren, verließ sie erhobenen Hauptes den Raum und schloss die Tür.

Eomer stand wie vom Donner gerührt. Er hatte mit allem gerechnet, nur nicht mit dieser krassen Abfuhr.

„Nun gut.“ lachte er bitter. „Du hast mir die Entscheidung abgenommen.“

Doch innerlich drohte der Schmerz ihn zu zerreißen.

 

Melyan wollte nur noch so schnell wie möglich den Palast verlassen, bevor ihre mühsam aufrecht erhaltene Fassade zusammenbrechen würde.

Sie hatte sich dazu entschlossen, die Beziehung zu Eomer zu einem raschen Ende zu bringen, bevor sie vollends daran zerbrach.

Gamling hatte Recht. Sie würde Eomer bei seinen Pflichten als König nur im Wege stehen. Rohan brauchte einen starken König. Doch wenn er bei ihr war, in ihren Armen, dann war er alles andere als stark. Das durfte sie nicht zulassen. Sie durfte nicht der Grund für Rohans Schwäche sein.

Noch schmerzhafter aber war für sie die Erfahrung gewesen, von ihm vor allen anderen wie eine Fremde behandelt zu werden. Sie hatte geglaubt, damit klar zu kommen, aber da hatte sie sich falsch eingeschätzt. Aus dem Abenteuer, auf das sie sich hatte einlassen wollte, war mehr geworden.

Viel mehr! Sie liebte diesen Mann mit jeder Faser ihres Körpers, mit jedem Schlag ihres Herzens, mit jedem Atemzug. Und nicht zu ihm gehören zu dürfen, war mehr als sie ertragen konnte.

Melyan horchte hinter sich. Er kam ihr nicht nach. Also hatte sie ihr Ziel erreicht und ihn erfolgreich abgewiesen. Sollte sie darüber nicht froh sein? War es nicht das, was sie hatte erreichen wollen mit ihrer barschen Abfuhr? Einen klaren Schlussstrich? Warum nur fühlte sie sich dann so elend?

Melyan war am Ende ihrer Kraft. Ihr geordneter Rückzug verwandelte sich in eine verzweifelte Flucht. Unaufhaltsam schossen ihr jetzt Tränen in die Augen.

Nur noch raus hier!

Wie durch einen Schleier nahm sie kurz noch Gamling wahr, der ihr entgegen kam auf der Suche nach seinem Herrn, dann rannte sie hinaus in die kalte Abendluft.

 

Gamling sah ihr verwirrt hinterher. Was machte sie schon wieder hier? Und warum hatte sie geweint? Sie war offensichtlich aus Eomers Quartier gekommen. In der Erwartung, seinen Herrn dort noch anzutreffen, trat Gamling ein.

Eomer stand regungslos mitten im Raum. Der Ausdruck im seinem Gesicht erschrak Gamling zutiefst. Es war als würde er ihn gar nicht sehen. Er starrte durch ihn hindurch ins Leere.

Vorsichtig wagte er seine Vermutung über das, was passiert war, auszusprechen.

„Ihr habt sie fortgeschickt?“ Doch er musste erkennen, dass er damit falsch lag, denn Eomer schüttelte nur geistesabwesend den Kopf.

„Nein, Gamling, sie hat mich fortgeschickt.“

 

Gamling starrte ihn an. Damit hatte er nicht gerechnet. In seinen Augen war Melyan nichts weiter gewesen als eine junge, zugegebener Maßen sehr hübsche Frau, die sich an den Herrn der Riddermark herangemacht hatte, um sich irgendwelche Vorteile dadurch zu verschaffen. Dass sie Eomer jetzt abgewiesen hatte, versetzte Gamling einen Schock. Sie hatte das getan, was Gamling von ihr verlangt hatte, zum Wohle Rohans, wie er immer wieder betont hatte.

Doch jetzt sah er in das müde, kraftlose Gesicht Eomers, dachte an Melyans Tränen, und ihm wurde bewusst, dass er den größten Fehler seines Lebens begangen hatte.

Vor ihm stand nicht der starke König, den Rohan so dringend brauchte. Vor ihm stand ein gebrochener, einsamer Mann. Ohne zu wissen was er auf Eomers Geständnis entgegnen sollte, verließ Gamling entsetzt über sich Selbst das Quartier.

 

Als Eowyn sich kurze Zeit darauf noch einmal auf die Suche nach Melyan machen wollte, traf sie auf den Stufen vor der Halle sitzend einen völlig zerstörten Gamling, seinen Kopf in seine Hände gebetet. Das Rascheln ihres Kleides wahrnehmend blickte er auf.

„Frau Eowyn!“ Er wollte aufspringen, aber Eowyn gebot ihm sitzen zu bleiben und nahm neben ihm Platz.

„Könnt ihr mir erklären, was hier vor sich geht, Herr Gamling?“

Er sah sie traurig an. „Ich habe das Glück unseres Königs zerstört.“

Eowyn verstand noch nicht recht. „Erzählt, was passiert ist.“

Gamling Stimme klang verzweifelt. „Ich bin Schuld, dass er allen Lebensmut verloren hat. Alles habe ich falsch gemacht.“

„Könnt ihr vielleicht etwas konkreter werden?“

Gamling schluckte. „Ich habe es erreicht, dass die Frau, die euer Bruder liebt, ihn verlassen hat. Ich hatte von ihr verlangt, sich von ihm fern zu halten. Ich glaubte, für Rohan das Beste zu tun, aber ich habe nur gegen unseren König gehandelt und damit Rohan einen sehr schlechten Dienst erwiesen.“

Eowyn begann zu begreifen. „Wisst ihr, wo Frau Melyan jetzt ist?“

Gamling sah sie verblüfft an. „Ihr wisst von ihr?“

„Ich kenne meinen Bruder gut, Gamling.“ Und sie lächelte ihm aufmunternd zu. „Grämt euch nicht. Ich werde sehen, ob ich helfen kann. Also, was ist nun? Wisst ihr, wo sie sich aufhält?“

„Nein.“ Er klang immer noch recht unglücklich.

 

„Ich würde mich an eurer Stelle mal in den Stallungen genauer umsehen.“ Gandalfs Stimme ließ sie herumfahren. Der weiße Zauberer stand lächelnd hinter ihnen und hatte scheinbar einiges von ihrem Gespräch mitbekommen. Vielleicht hatte er aber auch selbst das ein oder andere herausgefunden. Bei ihm konnte man sich da nie ganz sicher sein.

„Ihr müsst aber behutsam vorgehen.“ fuhr er fort. „Ein gebrochenes Herz ist schwerer zu heilen als so manche Wunde.“ Eowyn schenkte ihm ein dankbares Lächeln und lief die Stufen zum Palast hinunter in die vom weißen Zauberer angegebene Richtung.

 

14

Als sich ihre Augen an das dämmrige Licht gewöhnt hatten, trat sie durch das große Tor in die Stallungen und horchte. Da, von ganz hinten drangen Geräusche zu ihr, und als sie sich behutsam näherte, konnte sie deutlich das Weinen einer Frau vernehmen. Sie fand Melyan auf dem Boden zusammengekauert in der letzten Kammer bei Schattenfell.

„So schlimm ist es also?“ Melyan zuckte zusammen und wischte sich hastig die Tränen aus dem Gesicht.

„Frau Eowyn, was tut ihr denn hier? Solltet ihr nicht bei den Feierlichkeiten sein?“

„Im Moment ist mir genau wie euch nicht nach Feiern zumute.“

„Mir geht es gut, ehrlich.“ Ihre tränenerstickte Stimme verriet das genaue Gegenteil.

„Das ist nicht wahr.“ Eowyn kniete sich neben die verzweifelte Frau und legte beruhigend ihre Hand auf die zitternde Schulter. „Wir beide wissen das. Aber nicht ich sollte diejenige sein, die euch tröstet, sondern mein Bruder.“

Melyan sah sie erschrocken an. „Woher...?“ Ihr versagte die Stimme.

„Sagen wir einfach, wenn es um meinen Bruder geht, bemerke ich vielleicht einiges mehr als andere. Warum habt ihr ihn verlassen, wenn ihr ihn doch so liebt? Nein, leugnet es nicht. Ich sehe es euch doch an, wie sehr ihr euch nach ihm sehnt.“

Melyan ließ ihren Tränen freien Lauf. Sie hatte einfach nicht mehr die Kraft, ihre Gefühle zu verbergen, und Eowyn schien die richtige zu sein, sich zu offenbaren.

„Es ist wahr.“ Sie sah die Schildmaid traurig an. „Ich liebe euren Bruder, aber ich kann nicht bei ihm bleiben. Morgen schon ist er unser König. Er braucht seine ganze Kraft und Stärke, um unser Volk zu führen. Ich bin ihm dabei nur im Wege.“ Und sie schloss verzweifelt die Augen. „Ich habe ihm gesagt, dass es aus ist zwischen uns.“

Eowyn sah sie bewundernd an. „Ihr seit eine mutige und selbstlose Frau, Melyan. Aber seit ihr auch sicher, dass ihr das richtige getan habt?“

Melyan schüttelte stumm den Kopf. Sie war sich über gar nichts mehr sicher mit Ausnahme ihre Liebe zu Eomer, die sie vor ihm zu verbergen versucht hatte. Aber sie hatte die Liebe ihres Lebens von sich gestoßen. Zum Wohle Rohans.

Oh, Gott, sie fühlte sich so elendig.

Eowyn wollte sie umstimmen, wollte ihr erklären, dass sie sich sicher war, dass Eomer sie von ganzem Herzen liebte und brauchte, aber Gandalfs Rat klang plötzlich in ihren Ohren. Alles das waren Worte, die Melyan nur aus Eomer Mund hören wollte und überzeugen konnte.

Also sagte sie lediglich: „Versprecht mir nur eins, Frau Melyan: Bleibt morgen der Krönung nicht fern. Das seit ihr eurem König schuldig.“

Melyan blickte Eowyn unter Tränen in die Augen. „Wenn ihr es wünscht, werde ich kommen, Frau Eowyn.“

„Gut.“ Die Schildmaid erhob sich wieder. „Wartet es ab. Morgen wird sicher alles besser aussehen.“ Und mit diesen Worten verließ sie wieder den Stall.

Melyan sah ihr hinterher und war irgendwie erleichtert, dass sie sich ihr anvertraut hatte. Nur kurze Zeit später war sie erschöpft in einen unruhigen Schlaf gefallen.

 

Eowyn lenkte ihre Schritte zurück zur Halle. Davor warteten schon Gandalf und Neoryn ungeduldig auf sie.

„Hast du sie gefunden?“ Neoryn war sichtlich angespannt.

„Ja, sie ist völlig verzweifelt. Sie liebt meinen Bruder aufrichtig, hat aber auf ihn verzichtet. Zum Wohle Rohans, wie ihr der gute Gamling erfolgreich eingeredet habt. Eine starke, aufrichtige Frau. Sie wäre genau die Richtige für unseren König, aber ich bin mir nicht sicher, ob er bereit und willens ist, sich zu ihr zu bekennen. Gamling hat ihm wohl erfolgreich eingeredet, er würde sich als schwach erweisen, wenn er zu ihr steht.“

Eowyn schüttelte wütend den Kopf und sah Gandalf fragend an.

„Sind Zauberer auch so störrisch oder sind das nur die Männer der Menschen?“ Neoryn verdrehte die Augen. „Bei den Elben ist das jedenfalls sehr ähnlich.“

Gandalf lächelte nur und schwieg.

 

Dann tauchten sie wieder in den Lärm der Halle ein.

Eowyn suchte sofort nach ihrem Bruder, aber er war nirgends zu entdecken.

„Es scheint heute mein Schicksal zu sein, andere zu suchen,“ stöhnte sie, dann sah sie Gamling, der immer noch einen recht trübsinnigen Gesichtsausdruck sein Eigen nannte und schob sich durch die Menge zu ihm hin, vorbei an Merry und Pippin, die sich mit zwei Rohirrim ein Trinkduell lieferten, wobei eindeutig die Hobbits zu gewinnen schienen, denn einer der Soldaten konnte sich nur noch mit Mühe auf seinem Sitz halten, während der andere es nicht mal mehr schaffte, seinen Krug zu heben.

„Auch Hobbits machen scheinbar keine Ausnahme, wenn es darum geht, zu zeigen, wer der größte und beste ist,“ murmelte sie, musste aber doch schmunzeln als sie sah, wie Merry sich noch mal einschenkte, obwohl er offensichtlich gewonnen hatte, denn sein Gegenüber rutschte jetzt langsam unter den Tisch.

Endlich hatte sie Gamling erreicht. „Wo ist mein Bruder?“

Der Rohirrim schrak zusammen und sprang auf. „Der Herr ist immer noch in seinem Quartier. Ich...“ Er stockte. „Ich habe es nicht noch einmal gewagt, zu ihm zu gehen.“

Eowyn ließ Gamling einfach stehen und kämpfte sich zurück, um in den Korridor zu Eomers Raum zu gelangen. Dann stand sie unschlüssig vor seiner Tür.

Was sollte sie ihm sagen? Sie kannte ihn nur zu gut. Wenn er sich von ihr bevormundet fühlte, würde er sich sofort allem gegenüber verschließen, was sie sagen wollte, und wenn sie es noch so gut meinte. Vorsichtig öffnete sie die Tür.

 

15

Eomer saß teilnahmslos auf seinem Lager, und ein kurzes Aufhellen seiner Augen verriet, dass er ins geheim jemand anderes erhofft hatte, doch dann erlosch das Licht genau so schnell wie es gekommen war. Eowyn schmerzte es, ihn so zu sehen.

„Hast du vergessen, dass du da draußen Gäste hast, die beginnen dich zu vermissen?“ begann sie vorsichtig.

„Die kommen auch ohne mich klar.“ Seine Stimme klang verbittert.

Sie ging langsam auf ihn zu. „Ist mit dir alles in Ordnung?“

„Alles bestens. Geh du nur wieder hinaus und amüsier dich.“

Eowyn holte tief Luft. Es half nichts. So kam sie nicht weiter. Sie musste direkter werden. „Ich habe mit Melyan gesprochen.“

Eomer sprang so unvermittelt auf, dass Eowyn zusammenzuckte, und stellte sich wutschnaubend vor seine Schwester. „Du hast was?“

Sein Gesichtsausdruck machte ihr fast Angst und sie wollte instinktiv zurückweichen, doch er griff ihren Arm und hielt sie fest.

„Du mischst dich wieder in Dinge, die dich überhaupt nichts angehen.“ Seine Augen funkelten vor Zorn.

„Ich wollte euch beiden doch nur helfen.“ Ihr Arm begann zu schmerzen unter seinem festen Griff. So hatte sie ihren Bruder noch nie erlebt. Wie sehr musste er diese Frau lieben, dass sie ihn so hatte verletzten können?

„Helfen?“ Seine Stimme wurde immer lauter. „Da gibt es nichts zu helfen. Ich weiß zwar nicht, woher du das mit Melyan weißt, aber du solltest auch wissen, dass sie mich abserviert hat. Sie hat mich für ihre Spielchen benutzt und dann weggeworfen wie ein altes Hemd, das man nicht mehr braucht.“

Eowyn versuche sich loszureißen. „Ihr Männer seit doch wirklich begriffsstutzig.“ Sie wurde zornig. „Glaubst du das wirklich? Hast du auch nur einen Moment daran gedacht, was sie bei der ganzen Sache empfindet?“

Mit Genugtuung erkannte sie, dass sie Eomer verunsichert hatte. Vielleicht bestand ja noch Hoffnung, dass er sein Herz über seinen Stolz siegen ließ.

„Du hast sie benutzt, nicht umgekehrt. Was hast du dir denn gedacht, wie das weiter gehen sollte? Sie war gut genug, um dein Lager mit dir zu teilen, aber vor anderen hast du dich für sie geschämt. Was glaubst du, wie sich dabei gefühlt hat? Oder war es deine angebliche Stärke, die sie in den Augen deines Volkes untergraben könnte? Das war es doch, was Gamling dir eingeredet hat, oder? Sieh dich doch mal an! Wo ist denn die Stärke meines Bruders geblieben?“

Eomer ließ von seiner Schwester ab. Sein Blick wurde wieder völlig leer und er sackte in sich zusammen.

„Sie will mich nicht.“

Eowyn packte seine Schultern als könne sie ihn so zur Vernunft bringen.

„Hat dir das auch dein Freund Gamling erzählt? Hör einmal nicht auf ihn, sondern auf dein Herz. Erkennst du denn wirklich nicht, dass sie dich über alles liebt? Bist du so blind in deinem verletzten Stolz? Sie hat dich von sich gewiesen, weil Gamling das von ihr verlangt hat. Sie will ihre Liebe zu dir opfern, weil sie glaubt, dass wäre das beste für dich und Rohan. Aber, wenn du mich fragst, wäre das ein großer Fehler.

Nur eines ist klar: Entweder du verlierst sie ganz oder aber du bekennst dich offen zu ihr. Alles andere könnte sie nicht ertragen. Und alles andere hat sie auch nicht verdient. Sie ist eine großartige Frau, Eomer, auch wenn sie in den Augen von euch selbstgefälligen Männern nur die Pferdeherrin ist. Und jetzt gebe ich dir den guten Rat, über meine Worte nachzudenken und deinen verdammten Stolz zu überwinden. Sprich mit ihr. Gewinn sie zurück. Du bist mit ihr stärker als ohne sie, glaube mir. Und wie sagt Gamling doch immer so schön? Rohan braucht einen starken König.“

Mit diesen letzten Worten wirbelte sie herum und ließ ihren Bruder verwirrt im Raum stehen.

Draußen wurde Eowyn schon ungeduldig von Neoryn erwartet.

„Und? Hattest du Erfolg? Was hat er gesagt?“

„Nicht viel.“ Eowyn seufzte. „Ehrlich gesagt, habe ich ihm auch nicht viel Gelegenheit dazu gegeben. Ich habe ihm so einiges an den Kopf geworfen, bin aber nicht sicher, ob ich auch wirklich die richtige Stelle getroffen habe. Sehr diplomatisch war ich jedenfalls nicht.“

„Na, vielleicht hat er nur jemanden gebraucht, der ihm den Kopf zurecht setzt.“

Eowyn sah nachdenklich zu den Stallungen. „Das werden wir ja bald erfahren.“

 

Doch an diesem Abend tat sich nichts mehr.

Eomer blieb in seinem Quartier, und Eowyn versuchte daher, ihn so gut es ging als Gastgeberin zu vertreten. Erst spät in der Nacht löste sich die Gesellschaft allmählich auf und verschwand müde, aber gut gelaunt und teilweise recht angetrunken in den umliegenden Quartieren.

 

Eomer machte in dieser Nacht kein Auge zu. Rastlos lief er durch den Raum und dachte über die scharfen Worte seiner Schwester nach. Immer wieder sah er Melyan vor sich, sah ihre smaragdgrünen Augen wie sie im Feuerschein funkelten, doch dann hörte er auch wieder ihre letzten Worte, die ihn so sehr verletzt hatten.

Und als der Morgen graute, war er immer noch zu keiner Entscheidung gekommen, was er tun sollte.

 

16

Die Sonne ging auf und mit ihr stieg die Geschäftigkeit in den Gassen und auf den Plätzen. Jeder schien auf den Beinen zu sein, voll freudiger Erwartung auf die Krönungsfeierlichkeiten. Diese sollte vor den Pforten der goldenen Halle stattfinden, damit möglichst viele Rohirrim diesem lang ersehnten Ereignis beiwohnen konnten. Gekrönt sollte Eomer von Gandalf werden, der schon König Elessar die Krone aufgesetzt hatte. Der Platz und die Stufen vor der Halle waren mit tausenden Blüten geschmückt und die Banner Rohans, die den Platz säumten, wehten stolz in der leichten Brise des anbrechenden Tages.

Melyan stand in ihrer Kammer und suchte nach einem Band, das zu ihrem dunkelgrünen Samtkleid passte, um ihre langen, roten Locken zu bändigen. Ihr war hundeelend, und am liebsten hätte sie sich auf Ranera davongemacht, aber sie hatte Frau Eowyn ein Versprechen gegeben, und sie hatte nicht vor dieses Wort zu brechen. Außerdem war es als Pferdeherrin ihre Pflicht, ihrem König die Ehre zu erweisen.

Bei dem Gedanken an Eomer drehte sich ihr der Magen um. Sie war sich nicht sicher, wie sie den Tag überstehen sollte.

Und danach?

Ihr wurde schmerzlich klar, dass sie es nicht ertragen würde, ihn täglich zu sehen, ohne ihm wirklich nah sein zu dürfen. Womöglich suchte er sich bald eine Frau, um einen Erben zu zeugen, wie es von ihm als König erwartet wurde.

Melyan spürte wie sich ihre Augen erneut mit Tränen füllten.

Nein! Das könnte sie nicht mit ansehen. Sie musste Edoras verlassen, am besten direkt nach den Feierlichkeiten. Aber wohin sollte sie sich wenden? Sie liebte ihre Arbeit hier.

Vielleicht könnte sie ja mit Frau Eowyn und Heermeister Faramir nach Osgiliath gehen. Auch dort gab es Pferde zu versorgen, wenn auch der Gedanke, die weiten Ebenen Rohans zu verlassen, sie nur noch verzweifelter stimmte.

Draußen füllte sich der Platz vor der goldenen Halle. In froher Erwartung waren viele Rohirrim schon früh gekommen, um ja eine gute Sicht auf den Krönungsort zu ergattern. Ihre angeregten Gespräche und ihr Lachen hallten durch die Gassen.

 

Eowyn wartete am obersten Ende der Stufen und fingerte unruhig am Gürtel ihres Kleides. Daneben stand Neoryn, die sich vor Unruhe ständig auf die Unterlippe biss. Legolas, der hinter ihr stand, legte zärtlich seine Arme um ihre Hüfte.

„Nun sei doch nicht so nervös. Es wird schon alles schief gehen.“

Sie drehte sich um und sah ihrem Elben zärtlich in die Augen.

„Es steht heute mehr auf dem Spiel als nur eine Krönung.“

Und als er sie fragend ansah, fügte sie nur schnell hinzu: „Ich hoffe, du wirst gleich selbst sehen, was ich meine.“

Denn in diesem Moment wurde sie Melyan gewahr, die sich am Fuße der Treppe unter die Menschenmenge gemischt hatte. Sie sah erschreckend blass aus.

Eowyn hatte sie jetzt auch bemerkt und ging ihr rasch entgegen. Bei ihr angekommen nahm sie Melyan bei der Hand.

„Kommt mit zu uns herauf. Die Pferdeherrin ist zu wichtig für Rohan, als dass sie sich hier unten verstecken sollte.“

Melyan sah sie entgeistert an, getraute sich aber nicht der Schildmaid zu widersprechen. Sie registrierte die irritierten Blicke der Umstehenden und das flaue Gefühl in ihrem Magen verstärkte sich noch mehr. Oben angekommen stellte Eowyn den höheren Gästen Melyan vor.

„Darf ich euch unsere Pferdeherrin Frau Melyan vorstellen. Ihr werdet im ganzen Land niemand finden, der diese Aufgabe so gut meistert wie sie. Sie ist ein Edelstein Rohans.“

Melyan errötete leicht. So viel Lob war ihr noch nie zu Teil geworden. Und Eowyns Worte schienen Ernst gemeint zu sein. Melyans Nervosität steigert sich noch weiter als König Elessar sie grüßte und ansprach.

„Ich habe schon so einiges von euren Fertigkeiten vernommen, Frau Melyan. Unser Freund Gandalf schwärmte geradezu von euch. Rohan kann sich glücklich schätzen, solch fähige Frauen zu haben, die zudem noch so anmutig sind, wie ihr es seit.“

Melyans Selbstvertrauen kehrte ein Stück weit zurück. Wenn es um ihre Arbeit ging, musste sie ganz genau, dass sie die beste war, doch war es noch etwas anderes, wenn sie auch entsprechend bemerkt und anerkannt wurde. Und solche Komplimente waren Balsam für ihre verletzte Seele.

„Ich danke euch, König Elessar, aus eurem Munde hört eine Pferdeherrin und Frau so etwas besonders gern.“ Sie lächelte ihn dankbar an.

Jetzt schob sich Gimli nach vorne. „Aragorn, ihr wollt doch die Anwesenheit einer solch schönen Frau nicht alleine genießen.“ Und er schob den Waldläufer lachend bei Seite. „Auch wir Zwerge wissen Schönheit und Weißheit zu schätzen, auch wenn mir persönlich diese vierbeinigen Viecher wohl immer ein Rätsel bleiben.“ Er strahlte Melyan so durch seinen dichten Bart an, dass sie unwillkürlich lachen musste.

Sam stieß Frodo in die Seite und meinte extra laut: „Ein Rätsel? Ich hatte eher den Eindruck, Zwerge stehen mit Pferden auf dem Kriegsfuß.“

Gimli warf den Hobbits spielerisch einen vernichtenden Blick zu, ließ aber gleich darauf wieder sein tiefes Lachen hören. „So könnte man es auch ausdrücken.“

 

Melyan atmete erleichtert auf. Diese Männer und Frauen gaben ihr das Gefühl, willkommen zu sein. Ein Gefühl, dass sie schon lange vermisst hatte.

In diesem Moment trat Gandalf durch die Pforten der goldenen Halle. Sofort verstummten die Gespräche und die Gesellschaft verteilte sich um den Festplatz. Der weiße Zauberer stellte sich feierlich in die Mitte und seine dunkle Stimme hallte über Edoras: „Volk von Rohan! Macht Platz für den Herrn der Riddermark.“

Melyans gerade zurückgewonnene Lebensfreude erstarb augenblicklich. Doch auf keinen Fall wollte sie offenbaren, wie ihr Innerstes in diesem Moment aussah. Und so sammelte sie ihren letzten Rest an Selbstachtung zusammen, richtete sich auf und wartete wie alle anderen auf ihren König.


17

Die Rohirrim bildeten eine Gasse für Eomer, der sich so langsam durch die Menge auf die Treppe zu bewegte und Stufe für Stufe erklomm.

Eowyn beachtete ihn genau. Ihr Bruder sah furchtbar aus. Darüber konnte auch das festliche Gewand, welches er angelegt hatte, einen genauen Beobachter nicht hinweg täuschen. Er sah aus als hätte er die vergangene Nacht keinen Schlaf gefunden, und sie stellte sich die bange Frage, zu welchem Ergebnis seine Grübelei ihn geführt hatte.

Melyan an ihrer Seite war totenbleich geworden, und Eowyn befürchtete, dass sie der jungen Frau zuviel zugemutet hatte. Wenn ihr Bruder sich nicht für sie entscheiden würde, dann war alles, was sie versucht hatte, vergebens.

Eomer kam langsam näher und sein Blick fiel auf Melyan, die dort, umringt von seinen Freunden und Kampfgefährten, erhobenen Hauptes ihm entgegen blickte.

Warum war sie hier? Sie sah blass aus. Und doch war sie das Schönste, was er auf diesem ganzen geschmückten Festplatz entdecken konnte. Für einen kurzen Moment verlor er sich in ihren smaragdgrünen Augen, doch dann wandte sich ab und ging die letzten Schritte auf Gandalf zu.

Eowyn fluchte innerlich. Dieser verdammte Stolz! Sie konnte regelrecht spüren, wie Melyan nur mit Mühe den Wunsch unterdrückte, davonzulaufen.

Jetzt ließ sich der Fürst der Riddermark vor Gandalf auf seine Knie nieder. Der weiße Zauberer wandte sich nun Gamling an seiner Seite zu, um die Krone, die dieser auf einem roten Kissen vor sich hielt, an sich zu nehmen.

Eomers Gedanken rasten. Was tat er hier gerade? Sollte er alles, wonach sein Herz schrie, aufgeben, um seine Pflicht für Rohan zu erfüllen? Hatte Eowyn vielleicht Recht, als sie sagte, er könne nur mit Melyan zusammen stark sein? Konnte er tatsächlich beides haben? Wie würde das Volk reagieren?

Doch selbst wenn er dazu bereit war, das Risiko einzugehen: Was fühlte Melyan? Er sah vor sich wieder ihre wunderschönen Augen. Doch in diesen Augen hatte er nicht die Kälte entdecken können, die ihm noch am Abend vorher aus ihren Worten entgegen gesprungen war.

Sie war erschreckend bleich gewesen. Hatte auch sie wie er eine schlaflose Nacht hinter sich? War auch sie verzweifelt? Liebte sie ihn doch?

Eomer wurde aus seinen Gedanken gerissen, denn Gandalf hob jetzt langsam die Arme, um ihn mit feierlichen Worten zu krönen.

Nein! Noch nicht! Er musste den Schritt wagen oder er würde sich das niemals verzeihen.

Eomer stand langsam auf und sah Gandalf unsicher an. Wie sollte er Mithandril sein Verhalten erklären? Erstaunt sah er, dass dieser ihn anlächelte.

„Mir scheint, Herr Eomer, ihr habt wohl noch etwas zu klären, bevor ich euch die Krone aufsetzen darf.“

Eomer war verblüfft. Diese Zauberer schienen immer weit aus mehr zu wisse als am ihnen ansah. Er schenkte Mithandril ein dankbares Lächeln und wendete sich um.

Ein Raunen und Stimmengemurmel erhob sich umher, doch Eomer ignorierte es. Er hoffte nur, dass ihm seine Beine den Dienst nicht versagten als er jetzt unsicher auf Melyan zuging.

Ihr stockte der Atem. Was hatte er vor? Sie war sich sicher, dass ihr Herz aufgehört hatte zu schlagen als er sichtbar für das ganze versammelte Volk ihre zitternden Hände ergriff. Seine Stimme gehorchte ihm nur mühsam.

„Ich kann das nicht tun, Melyan. Ich will nicht alles, wonach ich mich aus tiefstem Herzen sehne, aufgeben. Ich liebe dich über alles. Schick mich bitte nicht wieder fort. Ich will nicht ohne dich leben. Ich brauche dich. Ohne dich bin ich nicht stark genug, nicht als König und nicht als Mann.“

Melyan zitterte am ganzen Leib. Hatte sie das tatsächlich gerade alles aus seinem Mund gehört? Hier? Inmitten des versammelten Volkes von Rohan, dass seinen Herrscher völlig fassungslos anstarrte? Sie schloss die Augen, doch als sie sie wieder öffnete, war er immer noch da und sah sie flehentlich an.

Es war kein Traum. Ihre Stimme war nicht mehr als ein Flüstern.

„Ist das dein Ernst?“

„Mir war noch nie im Leben etwas so Ernst.“

Und er näherte sich ihr, bis sein Gesicht ganz dicht vor dem ihren war.

„Ich muss nur eines wissen: Liebst du mich?“

„Ja.“ Freudentränen liefen ihr über die Wangen. „Ja, Eomer. Ich liebe dich.“

Eomer glaubte zu zerspringen vor Glück, und er zog sie in seine Arme und küsste sie voller Leidenschaft.

Bei den Valar! Es tat so gut, seine Gefühle nicht verstecken zu müssen, selbst vor seinem versammelten Volk.

Einen kurzen Moment herrschte Totenstille, dann brachen die Rohirrim in lauten Jubel aus. Sie sahen vor sich ihren überglücklichen Herrscher. Welch besseres Omen könnte es für eine strahlende Zukunft Rohans geben, als dieses Paar.

Melyan konnte das ganze noch nicht fassen. Alles drehte sich in ihrem Kopf. Der Lärm um sie herum machte sie schwindelig. Sie löste sich von seinem Kuss und sah ihn fragend an.

„Eomer.“ Er hatte Mühe, sie in dem Jubel zu verstehen. „Was soll denn jetzt werden?“ Und ihr Blick fiel auf Gandalf, der geduldig auf der obersten Stufe wartete, die Krone noch immer in der Hand.

Eomer sah ihr tief in die Augen. „Das Volk braucht einen starken König. Und ich brauche dich, um stark zu sein. Da bleibt uns nur noch eine Möglichkeit.“

Und ihre Augen weiteten sich als sie zu begreifen begann, worauf er hinaus wollte.

„Melyan.“ Eomer holte noch einmal tief Luft, bevor er die Frage stellte, vor der er sich so gefürchtet hatte. „Willst du meine Frau werden?“

Melyan strahlte. „Ja.“ Sie schlang ihre Arme um ihn, und ihr Kuss ließ Eomer keinen Zweifel mehr.

 

Neoryn drehte sich glücklich zu Legolas um. „Siehst du jetzt, was ich gemeint habe?“

„Ja, ich sehe es, und wenn ich mir euch zwei...“ Und er sah von Neoryn zu Eowyn. „hier betrachte, seit ihr an dieser Entwicklung wohl nicht ganz unschuldig.“

Neoryn zwinkert Eowyn zu. „Sagen wir mal, seine Schwester hat ihm einen kleinen Schubs in die richtige Richtung gegeben.“

„Nicht ganz.“ Eowyn lachte. „Die richtige Richtung war ihm schon vorher klar, er brauchte nur jemand, der ihm half, den Weg auch zu geh´n.“

 

Neben ihnen beobachtete Aragorn wie ein verschmitzt dreinblickender Gandalf Merry zu sich herüberwinkte. Der Hobbit sah aus als wäre er mit sich selbst hoch zufrieden. Was hatten die beiden zusammen ausgeheckt?

Aller Aufmerksamkeit fiel jetzt wieder auf Eomer und Melyan, die gemeinsam die Stufen erklommen und vor Gandalf stehen blieben.

„Mir scheint,“ Gandalf genoss sichtlich den Anblick des vor ihm stehenden Paares. „wir haben heute nicht nur einen König, sondern auch eine Königin zu krönen.“

Ein Räuspern neben ihm ließ ihn erstaunt zur Seite blicken, doch Eomer hatte den Verdacht, dass seine Überraschung nur vorgetäuscht war, denn um den Mund des weißen Zauberers zuckte es belustigt.

Neben ihm stand Gamling, der verlegen von einem Bein auf das andere trat.

 „Wir haben da nur ein kleines Problem, mein Herr Eomer“

Eomer sah ihn entrüstet an. „Gamling, es reicht jetzt!“

„Nein, Herr Eomer.“ Gamling fühlte sich sichtlich unwohl in seiner Haut. „Nicht das, was ihr denkt. Ich habe meine Lektion gelernt und bin froh, dass meine Dummheit keinen größeren Schaden angerichtet hat.“

Er sah Melyan entschuldigend an, doch sie war viel zu glücklich, um Gamling noch länger böse zu sein.

„Ich meine... also... wegen der Krönung und... die Königin... und...“

Doch Gandalf unterbrach ihn. „Ihr meint, uns fehlt die Krone der Königin?“

Er lächelte spitzbübisch. „Das ist kein Problem.“

Und bei seinen Worten griff Merry unter seinen Umhang und fischte die wunderschöne Krone der Königin von Rohan heraus, die bis vor wenigen Stunden noch sicher verwahrt in der Schatzkammer der goldenen Halle gelegen hatte.

„So ein Hobbit ist schon manchmal sehr nützlich,“ lachte Gandalf. „Unter ihnen findet man immer wieder die hervorragendsten Meisterdiebe.“ Und zwinkerte dem vor Schreck erstarrten Gamling verschwörerisch zu. „Dem weiteren Verlauf steht somit nichts mehr im Wege.“

 

18

Als Gandalf jetzt die Krone des Königs erhob, legte sich eine andächtige Stille über ganz Edoras. Mit einem feierlichen Gesichtsausdruck senkte der Zauberer das Zeichen der Herrschaft über die Riddermark auf Eomers Haupt. Dann drehte er sich zu Merry um, um sich die Krone der Königin geben zu lassen, doch der Hobbit starrte gedankenverloren und selig lächelnd die ganze Zeit auf Melyan.

„Merry, die Krone,“ zischte Gandalf den Auenländer an.

„Oh!“ Der Hobbit zuckte peinlich berührt zusammen. „Ja, sicher, hier ist sie.“

Und er reichte das Diadem verlegen grinsend an Gandalf weiter. Der Zauberer schüttelte unmerklich den Kopf und ein verärgertes „Hobbits!“ kam leise über seine Lippen.

Doch richtig böse konnte er seinem kleinen Freund nicht sein, denn selbst ein alter Mann wie er musste die Schönheit dieser jungen Frau anerkennen, die er nun zur Königin der Riddermark und damit zur Frau Eomers krönen durfte.

 

Eomer und Melyan wandten sich jetzt dem Volk von Rohan zu, und die Jubelrufe ertönten aus Hunderten begeisterter Kehlen.

 

Melyan holte tief Luft. Das alles war überwältigend und auch ein bisschen beängstigend. In diesem Augenblick, den Blick auf die jubelnden Rohirrim gerichtet, bewusst, welche Verantwortung sie jetzt mit trug, doch Eomer spürte ihre Unsicherheit, ergriff  ihre Hand und sah ihr tief in die grünen Augen, die ihn so an ihr faszinierten. „Mach dir keine Sorgen, wir schaffen das. Zusammen!“

 

Und er küsste seine Königin voller Leidenschaft.


ENDE



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